Kanzler Dr. Robert Kuhn im Interview über Kassel als Hochschulstandort – Haltestelle soll verlegt werden

„Viele Studenten sind ein Segen“

Ist die hohe Zahl an Studierenden für die Uni ein Fluch oder ein Segen?

Dr. Robert Kuhn: Sie kann nur ein Segen sein. Eine Uni, die nicht ausbilden will, hat ihren Zweck verfehlt. Aber es gibt den üblichen Ressourcenkonflikt: Wenn ich alle reinlasse, ist für jeden zu wenig zum Leben da. In einigen Jahren werden wir deshalb vermutlich bei flächendeckenden Zugangsbeschränkungen angekommen sein.

Sind die Studienbedingungen noch akzeptabel?

Kuhn: Wir müssen an die Grenze gehen. Wegen der Raumnot werden wir bei den Stundenplänen noch mal mehr in die Randbereiche gehen: das heißt Montag und Freitag und auch zu weniger üblichen Zeiten für eine Uni. Wir haben alles angemietet im Umfeld, was Hörsaalqualität hat. Spürbar entkrampfen wird sich die Situation aber erst, wenn das neue Hörsaal--Center mit drei großen Sälen steht. Der Baubeginn steht unmittelbar bevor.

Gibt es auch eine Raumnot auf dem Wohnungsmarkt?

Kuhn: Ich als Kölner sehe das aus der Wahrnehmung eines Menschen, der aus einem Ballungsraum kommt. Wir haben hier in Kassel ausgesprochen niedrige Lebenshaltungskosten und eine unaufwendige Wohnungssuche. Das ist wie mit der Parkplatzsuche - die ist andernorts viel schlimmer, aber die Kasseler klagen darüber. Wenn die Uni vollläuft auf bis zu 22 000 Studenten, wird die Wohnungssuche für Studienanfänger sicherlich anspruchsvoller. Aber im Bundesvergleich stehen wir in Kassel ausgesprochen gut da.

Ist Kassel schon eine Studentenstadt - oder sind wir noch auf dem Weg dahin?

Kuhn: Als ich vor vier Jahren mit meiner Familie nach Kassel zog, sagte mein damals 14-jähriger Sohn: „Hier sind ja so viele junge Menschen in der Stadt.“ Mir war das gar nicht so aufgefallen. Wenn Sie bei dem Begriff Studentenstadt an Göttingen, Marburg oder Tübingen denken, dann sage ich: Das sind keine Städte, das sind Unis mit ein paar Häusern drum herum. In einer Großstadt ist die Frage: Ist die Uni bemerkbar? Da sage ich vorbehaltslos: Ja, Kassel ist eine Studentenstadt, die von der Uni mitgeprägt ist.

Wird die Kultur auch mitgeprägt? Die Politik?

Kuhn: Studenten sind auch in der Politik engagiert, es gibt einige in der Ortsbeiräten. Und die Kulturszene wäre nicht so bunt und lebendig, wenn es keine Studenten gäbe. Beispiele sind die Kurzfilme von Kunsthochschülern oder die Musiker und Sänger, die bei uns studiert haben. Wir haben vielleicht kein eindeutig definierbares Studentenviertel in Kassel. Aber denken Sie an Kneipen in der Nordstadt, an die Werner-Hilpert-Straße oder den Vorderen Westen - da gibt es eine deutlich studentisch geprägte Szene. Es mischt sich mit anderen Gruppen, aber es geht nicht unter.

Wird sich die Nordstadt verändern, wenn der neue Campus fertig ist?

Kuhn: Das hoffe ich! Es wäre eine echte Bereicherung. Die Bebauung erinnert hier zum Teil an Berlin, da müsste noch mehr studentisches Leben möglich sein. Durch die Modularisierung des Studiums sind die Studenten häufiger auf dem Campus als früher, da werden viele eine Wohnung in der Nähe suchen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es ein Uni-Viertel wird. Auch das Wesertor würde sich eignen, ob die Strahlkraft bis dahin reicht, weiß ich aber nicht.

Und der Pferdemarkt?

Kuhn: Das ist ein schlummerndes Viertel, das sich ebenfalls im hohen Maße anbietet. Als ersten Schritt bräuchten wir eine Brücke oder Unterführung, um die Kurs-Wolters-Straße anders als per Ampel zu überqueren. Gut wäre, wenn private oder Modellprojekte von Wohnungsbaugesellschaften losgetreten würden. Das Studentenwerk kann nur begrenzt investieren. Und da sind wir mit dem neuen Wohnheim auf dem Campus mit 150 Plätzen schon an der Grenze.

Was muss im ÖPNV aus Sicht der Uni noch passieren?

Kuhn: Wir sind in intensiven Gesprächen mit der KVG, und ich bin zuversichtlich, dass es bald eine Verbesserung geben wird. Gefahrenpunkt ist vor allem die Haltestelle am Hopla am falschen Platz. Die müsste man so verlegen, dass die Studenten direkt am Campusgelände aussteigen. Das größere Problem ist aber die Transportkapazität. Zwischen Bahnhof Wilhelmshöhe und dem Ende des künftigen Campus Nord müssen mehr Trams verkehren. Dazu gibt es fortgeschrittene Überlegungen.

Wie sieht es mit der Anbindung ans Radwegenetz aus?

Kuhn: Das ist kein spezifisches Uni-Problem. Der Ausbau des Radwegenetzes, der ja seit einigen Jahren durchaus vorangetrieben wird, ist zu diskret. Die Uni kann eine stärkere Nutzung des Fahrrads nur unterstützen. Deshalb werden wir uns an dem Verleihsystem auch beteiligen, wenn es denn kommt. Das setzt voraus, dass das Radwegenetz noch weiter ausgebaut und vor allem bekannter gemacht wird. Die kleinen grünen Schilder sind nicht augenfällig genug.

Foto: Rudolph

Von Uli Hagemeier und Katja Rudolph

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