Viele Theorien zu Döner-Morden

So sieht die Tatwaffe aus: Eine Ceska Typ 83. Foto:  dapd

Kassel. Die Döner-Morde galten als eine der geheimnisvollsten Verbrechens-Serien in Europa. Die Sonderkommission „Bosporus“ tappte jahrelang im Dunkeln. Hunderte Polizisten waren im Einsatz.

Über 10 000 Personen wurden überprüft und 30 Millionen Daten gesichert. Die Ermittlungsakten füllen über 1000 Ordner. Neun Männer, Inhaber meist kleiner Geschäfte wie der Kasseler Halit Y., der ein Internet-Café betrieb, wurden regelrecht hingerichtet. Die Tatwaffe war eine automatische Pistole der Marke Ceska. Typ 83, Kaliber 7,65 Millimeter. Die Waffe, die die Ermittler jetzt im Zusammenhang mit dem Heilbronner Polizistenmord fanden.

Das Muster der Morde war immer gleich: Schüsse durch den Kopf, an belebten Straßen, am hellen Tag. Die Opfer - acht Deutschtürken und ein Grieche - galten als gut integriert. Sie waren fleißig und unauffällig. Die Arbeit der Fahnder war schwierig. Die Täter hatten keine Textilspuren hinterlassen. Man fand keine DNA-Spuren, es gab weder brauchbare Fingerabdrücke noch Zeugenaussagen. Was die Polizei vor allem ins Grübeln brachte: Es gab kein Motiv. Warum erschoss jemand diese Männer?

Die Fahnder entwickelten zwei Theorien. In der ersten stand ein Einzeltäter im Mittelpunkt. Ein Mann, der seine Opfer nach dem Zufallsprinzip auswählte. Der sie vorher nicht kannte, keine Beziehung zu ihnen hatte. Sein Motiv könnte einzig und allein Hass auf Ausländer sein.

In der zweiten Theorie beherrschte eine kriminelle Organisation die Vorstellung der Fahnder. Diese musste dann aber zu den Getöteten in einer Beziehung stehen. Die Morde, so die Annahme, wurden von Auftragskillern ausgeführt. Doch wieso sollte ein Profi am hellen Tag morden? Das Risiko, gesehen und schließlich erwischt zu werden, war groß.

Auch gegen die These eines irren Ausländerfeindes ließen sich Argumente ins Feld führen. Nach Erkenntnissen von Analytikern des Bundeskriminalamtes, schrieb der „Spiegel“, töten Serienkiller oft aus sexuellen Motiven. Und: Die Morde geschehen fast immer in der Nähe des Wohnortes des Mörders. Die Döner-Täter waren aber in ganz Deutschland unterwegs.

So blieben nur Erkenntnisse über die Tatwaffe. Sie war in der Tschechoslowakei hergestellt worden und mit einem Schalldämpfer ausgerüstet. Geschosshülsen wurden nach den Taten nicht gefunden - möglicherweise feuerte der Täter durch eine Tüte, um die Hülsen aufzufangen. Die Waffe gehörte zu einer Lieferung von 24 Pistolen, die 1993 an einen Schweizer Waffenimporteur gingen. Wie sie nach Zwickau zu den toten Männern kam, ist noch unbekannt.

Von Frank Thonicke

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