Amtsgericht: 30-Jähriger von Zuhälterei und weiteren Vorwürfen freigesprochen

Zu viele Ungereimtheiten

Kassel. Zu viele Ungereimtheiten und zu viel Belastungseifer sah das Amtsgericht in den Aussagen der 20-jährigen Zeugin, die ihren ehemaligen Lebensgefährten beschuldigt hatte, sie als Jugendliche zur Prostitution gezwungen, misshandelt und bedroht zu haben. Deshalb wurde der 30-jährige Angeklagte am Mittwoch freigesprochen. Die Angaben der Zeugin erfüllten, so die Begründung des Gerichts, nicht die hohen juristischen Anforderungen die in einem solchen Fall, in dem Aussage gegen Aussage stand, erfüllt sein müssen.

Die 20-Jährige hatte berichtet, sie habe mit 16 zunächst „eine ganz normale Beziehung“ mit dem Angeklagten geführt. Eines Tages habe er vorgeschlagen, dass sie eine Art Escort-Service betreibt, mit Männern essen geht, aber auf keinen Fall mit ihnen schläft. Er habe sie in ein Bordell in Duderstadt gebracht, später sei sie unter anderem nach Göttingen und nach Fulda weitergereicht worden.

Ein selbstständiges Leben sei nicht mehr möglich gewesen, ihr Freund habe sie auf jedem Gang in die Stadt begleitet und ihr Handy kontrolliert. Als es ihr endlich gelungen sei, sich von ihm zu trennen, sei sie in der Karlsaue joggen gewesen, als der Angeklagte plötzlich aufgetaucht sei. Er habe sie in ein Gebüsch gezerrt und mit vorgehaltener Schreckschusspistole davon zu überzeugen versucht, keine Anzeige zu erstatten.

Der Angeklagte bestritt das bis zuletzt, in seinem letzten Wort beteuerte er: „Ich war mit dieser Frau zusammen, doch ich habe sie weder bedroht noch ihr dergleichen angetan.“ Nach seinen Angaben hatte er, kurz nachdem sich die beiden kennengelernt hatten, erfahren, dass sie Geld mit der Prostitution verdient. Das Gericht sah keinerlei Anzeichen dafür, dass er seine damalige Lebensgefährtin in eine „emotionale Abhängigkeit“ gebracht habe, um sie zur Prostitution zu zwingen. Im Gegenteil. So habe ein Zeuge berichtet, dass der 30-Jährige mit seiner Freundin bei ihm gewesen sei, damit sie sich für einen Ausbildungsplatz als Friseurin bewirbt. Wenn die junge Frau zur Prostitution gezwungen worden sei und sich aus diesen Zwängen habe lösen wollen, hätte sie dieses Angebot mit Kusshand annehmen müssen, so das Gericht. Sie hatte es jedoch abgelehnt.

Weitere Ungereimtheiten stellte das Gericht in den Aussagen zu der vermeintlichen Bedrohung fest. Da habe die Frau gegenüber der Polizei und vor Gericht verschiedene Versionen geschildert, wie das während der angeblich stattgefundenen Auseinandersetzung in der Karlsaue zerrissene T-Shirt entsorgt worden war. Das mögliche Motiv für ihre Anzeige könne, so das Gericht, Eifersucht gewesen sein, da sich der Angeklagte von ihr getrennt und just mit ihrer Freundin angebandelt hatte.

Der 30-Jährige wurde nicht nur freigesprochen, das Gericht gestand ihm auch eine Entschädigung für die Zeit zu, die er in der Untersuchungshaft verbracht hatte. (pas)

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