Warmer Winter, viel Futter: Einige Vogelarten lassen den Flug nach Süden ausfallen

Viele Zugvögel bleiben

Noch vor 40 Jahren galten Stare als Zugvögel, die bis nach Spanien flogen, um Kälte und Hunger in Deutschland zu entgehen. Inzwischen bleiben immer mehr Stare während der Wintermonate in der Region, von 100 Vögeln gut die Hälfte. Foto: dpa

Kassel. Normalerweise sind sie im November schon längst irgendwo in Südeuropa. Aber selbst im Januar hocken sie noch in Kassels Gärten und Parks – die Buchfinken.

Wie andere Singvogelarten auch scheint der Buchfink das Interesse an sonnig-warmen Winterquartieren verloren zu haben – das Zugverhalten setzt bisweilen aus. Zu beobachten ist das auch bei Staren, Hausrotschwänzen, Rotkehlchen oder Ringeltauben.

„Je nach Art haben sich bis zu zehnmal mehr Tiere als gewöhnlich nicht auf den Weg in den Süden gemacht“, sagt Stefan Stübing von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) mit Sitz in Echzell bei Gießen. Als Vogelkundler sammelt er Daten zum Thema Vogelzug auch aus Kassel. Grund für das Verhalten sei der milde Winter. „Das Nahrungsangebot reicht für die Vögel immer noch aus.“

Zugfaulheit hat Strategie

Zugmüde seien vor allem sogenannte Teilzieher. „Das sind Vogelarten, bei denen im Winter immer ein Teil an Ort und Stelle bleibt, während der andere in wärmere Gefilde fliegt“, sagt Günter Boller vom Naturschutzbund Kassel. Jedes Verhalten habe Vorteile. „Ist der Winter sehr hart, überleben die, die in den Süden geflogen sind. Ist der Winter jedoch mild, bekommen jene, die dageblieben sind, die besseren Brutreviere ab.“

Insofern seien zugfaule Vögel nichts Ungewöhnliches. „Es geht letztlich immer um die bessere Strategie. Erfolgreich ist immer der, der am Ende mit möglichst geringem Energieaufwand optimal für Nachwuchs sorgt“, ergänzt Harald Haag, bei der HGON zuständig für den Kreis Kassel.

Welche Strategie die bessere sei, wüssten die Tiere vorher nicht, ebenso wenig, ob ein Winter hart oder mild ausfalle. So stünden Versuch und Irrtum eng beieinander. „Wer sich irrt, stirbt, wer nicht, hat das große Los gezogen. In der Natur läuft das so“, sagt Haag.

Krebse im Reisfeld

Trotz allen Risikos weise der Trend jedoch in Richtung Standorttreue. „Noch vor 40 Jahren zählten Stare zu den Zugvögeln, die bis nach Nordwestafrika flogen. Heute ist es normal, wenn von 100 Tieren die Hälfte in Hessen bleibt“, sagt Stübing. Gleiches gelte für Störche. Noch vor einem halben Jahrhundert habe es im Winter keinen Storch in Hessen gegeben – „inzwischen versuchen hier jedes Jahr rund 60 Tiere die Überwinterung“.

Mit dem milden Wetter ändere sich auch das Nahrungsangebot. Fehlt eine geschlossene Schneedecke, gibt es immer genug zu fressen. Oft profitieren die Tiere auch vom Menschen. So ziehen inzwischen viele Störche gar nicht mehr nach Afrika, weil sie auf Müllhalden und Feldern genug zu fressen finden. Neuester Leckerbissen: Eine eingeschleppte Krebsart aus Amerika in spanischen Reisfeldern – die mögen die Störche besonders gerne. Warum also noch bis nach Südafrika fliegen?

Von Boris Naumann

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.