„Vielleicht war ich zu naiv“

Er spielte am Kasseler Staatstheater: Christian Ehrich äußert sich zu #allesdichtmachen

Christian Ehrich
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Applaus von der falschen Seite: Christian Ehrich versteht Kritik an der Aktion #allesdichtmachen.

Zu den Schauspielern, die bei der Aktion #allesdichtmachen mitgemacht haben, gehört auch Christian Ehrich, der Ensemblemitglied des Kasseler Staatstheaters war. Er sagt: „Vielleicht war ich zu naiv“

Kassel – „Meine Name ist Christian Ehrich und ich habe nachgedacht“, leitet der Schauspieler seinen Beitrag zu der Aktion #allesdichtmachen ein. 50 Schauspieler äußern sich in kurzen satirisch-ironischen und teilweise auch zynische Videobeiträgen zu den aktuellen Coronamaßnahmen der Bundesregierung. Heftige Kritik bis hin zu Morddrohungen schlagen den Teilnehmern seit der Veröffentlichung entgegen.

Die Kritik: Einseitig, nicht konstruktiv und als indirekten Rückhalt für Querdenker und AfD, so die massive Kritik an der Aktion. Christian Ehrich, der als ehemaliges Ensemblemitglied des Kasseler Staatstheaters zuletzt an der Hörspielfassung des „Herakles“ mitgearbeitet hat, sagt: „Vielleicht war ich da zu naiv, dass ich diese heftigen Reaktionen nicht vorhergesehen habe“. Satire sei ein Mittel in der Kunst, um Prozesse anzustoßen. „Doch, wie ich schmerzhaft erfahren musste, wenn Ironie und Satire nicht gut gemacht sind, dann stoßen sie auf kein Verständnis und wirken nur verletzend“, so Ehrich und ergänzt: „Dafür möchte ich mich aufrichtig entschuldigen und kann nur alle, die ich getroffen habe, um Verzeihung bitten“.

Der Beitrag: Christian Ehrich erklärt in seinem Beitrag, er habe über den Beifall von der falschen Seite nachgedacht. Sein Vorschlag: Wenn irgendwann die Theater wieder öffnen dürften, soll das Publikum sich bewusst auf die linke Seite des Theatersaals stellen und von dort Applaus spenden, um nicht auf der falschen Seite zu stehen. „Inhaltlich stehe ich weiterhin zu meinem Beitrag“, sagt Ehrich. Denn die Krise habe gezeigt, wie wichtig die eigene Haltung sei, dass man das Gefühl hat, immer gut sein zu müssen, immer auf der richtigen Seite stehen zu wollen.

Die Kritik, dass damit das Corona-Virus und seine Folgen heruntergespielt und ein Stück verharmlost wird, kann Ehrich nachvollziehen. In Kassel stand Ehrich zuletzt im vergangenen Jahr in der Tragödie „Medea“ auf der Bühne. „Mein Wunsch war es, einen Diskurs zu fördern“, so Ehrich. „Der Anstoß zur Debatte ist gelungen, der Diskurs leider nicht “. Das tue ihm unendlich leid.

Der Hintergrund: Dietrich Brüggemann, der Regisseur habe ihn kontaktiert und das Projekt vorgeschlagen, erzählt der 41-Jährige. „Ich war von der Idee angetan“, so Ehrich, der in letzter Zeit wenige Drehtage hatte und sich hauptsächlich um die zweijährige Tochter kümmert, während seine Frau arbeitet. „Ob ich die Reaktionen nicht vorhergesehen habe? Vielleicht war die Zeit zu knapp oder ich habe mir nicht die richtigen Fragen gestellt“, sagt Ehrich. Auf jeden Fall habe er nicht in dieser Heftigkeit und in dieser Reichweite damit gerechnet.

„Ich kannte einige Beiträge, fand auch nicht alles gut, was ich gesehen habe, aber der Regisseur hat mir bei der Umsetzung der Idee freie Hand gelassen, so dass ich inhaltlich hinter meinem Beitrag stehe“, sagt Ehrich.

Das Fazit: „Ich finde mich nicht mutig“, so der Schauspieler. Aber es sei an der Zeit einen Diskurs zu finden, um die gesellschaftliche Spaltung zu schließen „und hinter diesem Aspekt stehe ich nach wie vor mit meinem Beitrag“.

Dass der Beifall für die Aktion nun ausgerechnet von der Seite kommt, mit der der in Berlin lebende Schauspieler auf keinen Fall in Verbindung gebracht werden möchte, nämlich von der AfD, „das fühlt sich schlichtweg schlecht an und das schmerzt sehr“, so Ehrich. „Dennoch hoffe ich, dass sich die Wellen wieder glätten und wir wieder zu einem echten gesellschaftlichen Diskurs kommen“. (Kirsten Ammermüller)

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