Dubioser Handel mit elektronischen Werbedisplays

Paar vor Gericht: Steuerhinterziehung, Betrug, Bilanzfälschung

Kassel. Gäbe es so etwas wie ein Lehrbuch für Wirtschaftsstraftaten, die Angeklagten hätten es geradezu akribisch abgearbeitet. Wenn stimmt, was die Staatsanwaltschaft in vier Anklagen mit mehr als 70 Taten zusammengefasst hat, dann hat das Unternehmer-Ehepaar kaum ein Delikt ausgelassen.

Das Ehepaar muss sich seit Donnerstag vor dem Kasseler Landgericht verantworten. Steuerhinterziehung. Betrug. Bilanzfälschung. Insolvenzverschleppung. Vorenthalten von Sozialversicherungsbeiträgen. Lügen beim Ablegen der eidesstattlichen Versicherung. Unter anderem. Eine Dreiviertelstunde braucht Staatsanwalt Fabian Ruhnau, um vorzutragen, was das Paar rund um den Versuch, mit elektronischen Werbedisplays Geld zu verdienen, angerichtet haben soll.

Als die Eheleute ihre Marketing-Firma im September 2003 gründeten, da hatte der heute 66-jährige mutmaßliche Haupttäter gerade eine Gefängnisstrafe abgesessen. Doch schon ein halbes Jahr später sollen sich er und seine fünf Jahre jüngere Gattin erneut auf krumme Wege begeben haben: Unter Vorspiegelung satter Einkünfte aus ihrer jungen Firma hätten sie sich einen teuren Mercedes geleast, heißt es in der Anklageschrift. Dabei habe der Mann damals wohl eher von Sozialhilfe gelebt.

Und so soll es weitergegangen sein, bis zum Juni 2009. Da soll der 66-Jährige beim Leasing erneut betrogen haben. Diesmal war es allerdings ein edler BMW. Und der Angeklagte soll nicht nur nichts bezahlt, sondern sogar noch einen Bonus von 4000 Euro kassiert haben. Von derlei Dreistigkeiten berichtet Staatsanwalt Ruhnau immer wieder.

Besonders frech: Als die Firma wegen unbezahlter Rechnungen vor Gericht gezerrt wurde, engagierte sie Staranwälte für bis zu 300 Euro pro Stunde - und soll dann auch ihnen einfach das Salär schuldig geblieben sein. Die Geschäfte mit den Werbebildschirmen gingen offenbar gar nicht gut: Bereits nach gut einem Jahr soll dem Unternehmen die Zahlungsunfähigkeit gedroht haben. Trotzdem sollen die Angeklagten immer weitergemacht haben.

Noch haben die Eheleute kein Geständnis abgelegt. Aber sie wollen es tun. Denn was sie dann als Strafe erwartet, wissen sie schon jetzt. Einvernehmlich haben sich die Verfahrensbeteiligten auf den Rahmen geeinigt: 12 bis 14 Monate für sie und vier bis fünf Jahre für ihn. Wobei wegen der langen Verfahrensdauer sechs beziehungsweise zwölf Monate bereits als verbüßt gelten sollen. Und auch die zehnmonatige Gefängnisstrafe, die der 66-Jährige derzeit absitzt, würde angerechnet.

Am Montag wird der Prozess fortgesetzt. (jft)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.