Landgericht glaubt Angeklagten weniger als seiner heroinabhängigen Kundin

Vier Jahre Haft für Drogendealer

Kassel. „Ein netter Mensch“, befand Staatsanwalt Urbanek. „Ein rühriger, bildungsbestrebter Familienvater“, lobte Verteidiger Axel Selbert. Und auch das Gericht räumte ein, dass der Angeklagte nicht eben dem Klischeebild des Drogendealers entspreche.

Zu einem milderen Urteil allerdings führten die freundlichen Worte nicht: Weil er eine Heroinabhängige zwei Jahre lang mit Stoff versorgt hat, wurde der 42-Jährige aus Vellmar am Dienstag vom Kasseler Landgericht zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

„Vier Jahre klingt schrecklich viel“, sagte Strafkammervorsitzender Jürgen Stanoschek. „Und es ist auch schrecklich.“ Aber das habe sich der Mann selbst zuzuschreiben. „Sie haben sich aus nackter Geldgier zu diesem Mist verleiten lassen.“ Auf 57.000 Euro schätzte das Gericht, was der gelernte Versicherungskaufmann und angehende Jurist durch seine Drogengeschäfte mit einer einzigen Kundin eingenommen hat – und ordnete an, dass ein Betrag in dieser Höhe als sogenannter Wertersatzverfall an die Staatskasse gezahlt werden muss.

Verlockung des leichten Gelds

„Die Verlockung des leichten Geldes war Ihre Triebfeder“, sagte Stanoschek. Und nicht etwa ein Freundschaftsdienst: Beim Prozessauftakt hatte der Vellmarer erzählt, dass ihn ein ins Ausland gezogener Bekannter gebeten habe, an seiner Stelle die Kasselerin weiter mit Heroin zu beliefern – und er habe zugesagt. „Leider.“

Die Strafkammer aber hielt es nicht einmal für erwiesen, dass dieser Bekannte – wie vom Angeklagten behauptet – weiterhin maßgeblich in die Lieferkette eingebunden war und den Stoff beschaffte. „Das können wir nicht feststellen“, sagte der Richter. Und er ließ auch sonst kaum ein gutes Haar an dem, was der 42-Jährige als Geständnis präsentiert hatte: „Man kann da ein deutliches Taktieren feststellen.“

Zwar hatte der Mann den Heroinhandel grundsätzlich zugegeben, die Mengen aber deutlich herunterzuspielen versucht – in der Hoffnung, dass das Gericht ihm, dem seriösen und selbst völlig drogenfrei lebenden Versicherungsberater, glaubt und nicht seiner massiv heroinabhängigen Abnehmerin. Doch das ging nicht auf. Die 29-Jährige sei weitaus glaubwürdiger als er, meinte das Gericht. Nicht zuletzt, weil sie sich mit ihrer Aussage vor allem selbst belastet habe: Sie hatte die Droge nicht nur für sich und ihren damaligen Lebensgefährten erworben, sondern auch zum Weiterverkauf. Auch gegen sie läuft darum ein Ermittlungsverfahren.

Von 45 Taten und insgesamt 5,3 Kilogramm Heroinzubereitung ging die Strafkammer am Ende aus. Sie folgte damit weitgehend der Anklage, die, so Stanoschek, „ganz vorsichtig gerechnet“ sei. Gleichwohl blieb das Gericht mit dem Urteil unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die viereinhalb Jahre Haft gefordert hatte. Die Verteidigung hatte zwei Jahre und acht Monate für ausreichend erachtet. (jft)

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