Mann soll sich fünfmal an Kolleginnen vergriffen haben

Vier Jahre für Vergewaltigung für Abteilungsleiter eines Lebensmittelmarkts

Kassel. Einen Moment lang war Jürgen Stanoschek unaufmerksam. „Sie finden das wohl lustig?“, herrschte der Strafkammervorsitzende mitten in seiner Urteilsbegründung den Angeklagten an. Doch da hatte sich der Richter verhört.

Der 29-Jährige, den das Landgericht soeben wegen sexueller Übergriffe zu vier Jahren Gefängnis verurteilt hatte, lachte mitnichten. Der junge Mann auf der Anklagebank war im Gegenteil völlig aufgelöst. „Ich weine, Herr Stanoschek!“, schrie er. „Weil das alles gelogen ist!“ Mit stetem Kopfschütteln hatte sich der 29-Jährige zuvor angehört, was er nach Überzeugung von Staatsanwaltschaft und Gericht getan haben soll und was ihm so auch schon die Anklage zur Last gelegt hatte.

Als Chef der Obst- und Gemüseabteilung eines Lebensmittelmarktes soll er sich binnen gut eines Jahres fünfmal an Kolleginnen vergriffen haben – dreimal an einer heute 30-jährigen Verkäuferin und zweimal an einer zehn Jahre jüngeren Auszubildenden. Wo immer er die Frauen allein erwischte, soll er sie bedrängt, begrapscht und sexuell missbraucht haben: im Büro, im Kühlhaus oder auch im Herrenumkleideraum, in den er die zufällig vorbeikommenden Kolleginnen gezerrt habe.

Motiv blieb unklar

„Warum er das getan hat und damit seinen ordentlichen Job riskiert hat, darüber können wir nur spekulieren“, sagte Stanoschek. Die Strafkammer habe aber keinen Zweifel, dass sich der Angeklagte der sexuellen Nötigung und Vergewaltigung schuldig gemacht habe. Denn andersherum lasse sich auch keinerlei Motiv finden, warum die Frauen den 29-Jährigen falsch belasten sollten.

Der Angeklagte, der bis zuletzt steif und fest seine vollkommene Unschuld beteuerte, hatte eine Intrige vermutet – angezettelt vom stellvertretenden Marktleiter, der ihn als Karrierekonkurrenz habe loswerden wollen. Für dieses vermeintliche Komplott fanden sich vor Gericht freilich überhaupt keine Belege, sodass am Ende selbst die Verteidigung einräumen musste: „Die von ihm zusammengesponnene Intrige ist schwachsinnig.“ Doch das könne dem 29-Jährigen nicht vorgeworfen werden: Er habe ja nur versucht, eine Erklärung für die „unerklärlichen Vorwürfe“ zu finden.

Die Bemühungen der Verteidigung, die Aussagen der Opfer als vage und widersprüchlich und damit als unglaubwürdig zu entlarven, blieben beim Gericht jedoch ohne jede Wirkung. Was die Frauen erzählt hatten, sei viel zu kompliziert, um es sich auszudenken, befand Stanoschek.

Und dass sie sich gegen die Übergriffe kaum zur Wehr gesetzt und danach monatelang geschwiegen hatten? „Wer in dieser Weise argumentiert“, sagte der Richter, „zeigt nur, dass er sich in die Situation der Frauen nicht hineinversetzen kann.“ (jft)

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