Kasseler Seniorinnen steuern Rezept-Erinnerungen für Kochbuch bei

Gemeinsam kochen und über alte Rezepte fachsimpeln: Für das Buch „Wir haben einfach gekocht“ griffen Bewohnerinnen des Seniorenwohnheims „Schöne Aussicht“ in Kassel wieder zu Kochtopf und Küchenschürze.

Lieblingsessen, das „wie früher“ schmeckt, vergisst man sein Lebtag nicht. Was bei Muttern oder Omi auf den Tisch kam, gehört zur Heimat. Gekocht wurde aus saisonal und regional Verfügbarem, nicht unbedingt streng nach Rezept, sondern mit „ein bisschen hiervon und ein bisschen davon“, gewürzt mit Erfahrung und Gefühl. Im Alter geht dieses Paradies aus köstlichen Kindheitserinnerungen spätestens mit dem Verlust der eigenen Küche beim Einzug in ein Pflegeheim verloren. Fortan kommt das Essen meist aus einer Zentralküche und wird vor allem vom Kostenfaktor bestimmt.

„Dabei bedeutet Essen so viel mehr“, dachte sich ein Berliner Autorenquartett und unternahm im Sommer eine Reise durch Pflegeheime in Deutschland, um fast vergessene kulinarische Erinnerungen alter Menschen aufzuspüren und in einem Buch zusammengefasst zu bewahren.

In Kassel waren die Berliner zu Gast in der Seniorenwohnanlage „Schöne Aussicht“ am Habichtswald. Dort brachten Mechthild Müller (88), Anneliese Wolf (91), Gretchen Stubbe (91) und Heidemarie Durian (72) das Autorenteam zunächst ins Schwitzen – und dann ins Schwelgen. Im kulinarischen Gedächtnis der alten Damen kamen bei der Menüplanung auch Erinnerungen an entbehrungsreiche Zeiten wieder hoch: Krieg und knappe Lebensmittelmarken, Rationierungen und leere Regale gehörten zum Alltag ihrer jungen Jahre. Damals ging es vor allem darum, zu wissen, was eine gute Mehlschwitze ausmacht, ob der Nudelteig noch ein Ei verträgt und wie man mit dem Gartengemüse die Familie satt bekommt.

Kasseler Seniorinnen berichten über alte Rezepte

Nun werden andere Grundsatzfragen diskutiert: Sollte die Lammkeule mit Knochen geschmort werden („Unbedingt, damit man sieht, ob das Fleisch gar ist und vom Knochen fällt“, sagt Frau Müller) oder müssen Erbsen für die Suppe püriert werden („Auf gar keinen Fall“, setzt sich Frau Wolf gegen die Mehrheitsmeinung durch)?

Verpflegungsleiterin Gabriele Lerche, die die Teilnahme an dem Projekt initiiert hat, ist kaum eine Küchenmeinung fremd: Gibt es hier doch keine Zentralverpflegung, sondern Küchen in jeder Wohngruppe für je zwölf Bewohner, in denen alles frisch zubereitet wird. Menükritik ist ebenso erwünscht wie Mitmachen am Herd.

Aus der Fülle der in der Diskussionsrunde aufgelisteten Leibspeisen fällt die Wahl schließlich auf Erbsensuppe mit Speck und Grießklößchen, in Senf gebeizte Lammkeule, dazu Bohnen und Kartoffeln und Grießpudding mit Rhabarber-Vanille-Kompott. Schmunzelnd erinnert sich Jörg Reuter an die verzweifelte Suche nach einer Lammkeule am Vorabend der Kochaktion: „Nirgendwo gab es Lamm zu kaufen, schließlich rettete uns ein Metzger mit einem tiefgekühlten Stück. Das musste auftauen und lag nicht vorschriftsmäßig zwölf Stunden in Senfbeize – was natürlich aufflog.“ Frau Müller tippte nur kurz mit dem Finger aufs Fleisch und sagte: „Das lag aber nicht über Nacht im Senf.“ Erwischt. Schallendes Gelächter in der Runde.

Die Berliner lernen, dass man Petersilie vorm Schneiden trockentupfen muss („damit sie nicht am Messer klebt“), und Rhabarber vorm Kochen nicht geschält zu werden braucht, aber „Zucker nach Gefühl“ benötigt.

Die Gäste nehmen nach dem Festessen mit den Köchinnen allerlei Erkenntnisse mit heim an die Spree: Etwa, dass der hohe Stellenwert des Essens ein Menschenleben lang anhält. Und dass die Soße zum nordhessischen Lamm durch Apfelsaft unvergleichlich an Finesse gewinnt.

Zum Blog: wir-haben-einfach-gekocht.de

„Wir haben einfach gekocht“ - 100 Erinnerungen an Lieblingsrezepte von Jörg Reuter, Manuela Rehn, Cathrin Brandes und Caro Hoene (Fotos), 304 Seiten, Neuer Umschau Buchverlag Berlin, ISBN-13: 978-3865288059, gebunden, Preis 29,95 Euro.

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