Vincent Köpp im Interview

Hat er die besten Argumente? Kasseler Schüler ist im Bundesfinale von "Jugend debattiert"

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Debattiert bald in Berlin: Vincent Köpp vom Wilhelmsgymnasium.

Kassel. Vincent Köpp (16) vom Kasseler Wilhelmsgymnasium diskutiert beim Bundesfinale von Jugend debattiert Mitte Juni in Berlin um den Titel. Im Interview erklärt er, warum Emotionen in einer Diskussion zwar wichtig, aber nicht wichtiger als Fakten sind.

Vincent, über welches Thema würdest du beim Bundesfinale am liebsten debattieren?

Vincent Köpp: Mich interessieren gesellschaftspolitische Themen – ich habe einmal debattiert, ob Bekämpfung von Einsamkeit Regierungsaufgabe werden soll. Und damit meine ich nicht nur Einsamkeit im Alter, sondern auch bei jungen Menschen, die zum Beispiel neu in eine Stadt kommen. So etwas in der Art fände ich gut.

Das Thema und welche Position du dazu vertreten sollst, bekommst du erst kurz vor dem Wettbewerb mitgeteilt. Wie bereitest du dich vor?

Köpp: Ich informiere mich im Internet über das Weltgeschehen, versuche mit Leuten darüber ins Gespräch zu kommen und dadurch verschiedene Positionen kennenzulernen. Wenn ich das Thema dann kenne, lese ich mich intensiv ein, mache mir Notizen und sammele Argumente und Beispiele für beide Seiten.

Bei den Diskussionen besteht eine Fifty-fifty-Chance, dass die Haltung, die du vertrittst, nicht deine eigene ist. Warum ist es wichtig, das zu lernen?

Köpp: Ich habe im Laufe des Wettbewerbs gemerkt, dass es spannender sein kann, eine Meinung zu vertreten, die nicht die eigene ist. Man rückt von starren Positionen ab, weil man merkt, dass das Thema vielschichtiger ist, als man dachte. Es kann aber auch in der eigenen Meinung bestärken. Häufig diskutiert man zu einseitig und weiß auch nur einseitig Bescheid. Deshalb ist wichtig, die Gegenargumente zu berücksichtigten.

Wie funktioniert eigentlich eine gute Diskussion?

Köpp: Zuallererst auf einer sachlichen Ebene und dadurch, dass man sich nicht unterbricht. Man muss auf das eingehen, was der Andere sagt, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Argumentation finden. Es geht nicht darum, den anderen totzureden oder fertigzumachen. Am Ende sollte man das Gefühl haben, dass die Diskussion einen weitergebracht hat und man neue Aspekte kennengelernt hat.

Was ist der Unterschied zwischen jemanden überzeugen und jemanden manipulieren?

Köpp: Da besteht ein großer Unterschied. Jemanden überzeugen zu wollen geschieht aus einer anderen Motivation heraus, als jemanden zu manipulieren. Manipulation ist erst mal nichts Gutes und beinhaltet Hintergedanken, die unangebracht sind. Sich überzeugen zu lassen ist hingegen nichts Schlechtes. Ich lasse mich auch gerne in einem guten, konstruktiven Gespräch überzeugen, aber nicht manipulieren.

Aktuell kann man gerade in der Politik den Eindruck gewinnen, dass derjenige eine Diskussion für sich entscheidet, der am lautesten schreit. Was ist wichtiger, um andere Menschen in einer Diskussion zu überzeugen: Fakten oder Emotionen?

Köpp: Für mich auf jeden Fall Fakten. Klar spielen Emotionen immer eine Rolle, aber ich denke, dass man viele Themen losgelöst von der eigenen Position betrachten und sich die Fakten genauer ansehen sollte. Viele Debatten beinhalten Emotionen, die auf gar keiner Faktenlage beruhen. Gerade bei der Flüchtlingsdebatte werden negative Emotionen geschürt, die mit der Sache an sich überhaupt nichts zu tun haben. Da sind Fakten enorm wichtig.

Wie kann man jemanden mit Fakten überzeugen, der sich hinstellt und sagt, „das glaube ich nicht, das stimmt nicht“?

Köpp: Das ist schwer bis unmöglich. Man muss sich auch immer überzeugen lassen. Eine gute Debatte funktioniert nicht, wenn man einfach auf der eigenen Meinung beharrt, ohne auf das einzugehen, was der Gegenüber sagt.

Als die AfD im Februar die Bundesregierung aufforderte, alte Texte von dem gerade aus türkischer Haft entlassenen Journalisten Deniz Yücel zu rügen, hielt der Grünen-Politiker Cem Özdemir eine flammende Gegenrede. Was war daran gut? Warum war das schlecht?

Köpp: Das war ein interessanter Ansatz, die Vorstellung von Herkunft umzukehren, mit neuen Werten eines neuen Deutschlands zu argumentieren – Dinge, von denen sich die AfD deutlich abgrenzt. Ich fand die Rede an sich total gut, aber auf viele, die zwischen den Meinungen stehen, kann dieses aggressive Attackieren, das einer Debatte an sich gar nicht so guttut, sondern eher die Fronten verhärtet, auch abschreckend wirken.

Wer ist aktuell der beste Redner in Deutschland?

Köpp: Gregor Gysi gefällt mir gut. Er wirkt authentisch und kann trotzdem hart argumentieren, ohne sich stur auf die eigene Meinung zu fixieren.

Welchen Einfluss haben soziale Netzwerke auf unsere Diskussionskultur?

Köpp: Einen sehr Großen. Auf Twitter beispielsweise gibt es eine Zeichenbeschränkung. Dadurch werden Themen in all ihrer Komplexität oft zu sehr heruntergebrochen. Diese Vereinfachung kann auch hilfreich sein, aber häufig werden dabei zu viele Argumente außer Acht gelassen.

Unterhältst du dich anders mit deinen Freunden und deiner Familie, seit du gelernt hast, zu debattieren?

Köpp: Das merke ich gar nicht so aktiv. Aber ich denke, ich habe einen besseren Überblick bekommen, in welche Richtung sich eine Diskussion entwickelt und wann sie beginnt, sich im Kreis zu drehen.

Welches ist das schlechteste Argument überhaupt?

Köpp: Das war schon immer so und das hat schon immer so funktioniert.

Und das Beste?

Köpp: Am überzeugendsten sind Argumente, die sich auf unsere Grundrechte stützen. Da kann man schwer dagegen argumentieren.

Zum Abschluss eine spontane Argumentation: Warum sollte der Schulunterricht erst um 9 Uhr beginnen?

Köpp: Studien haben gezeigt, dass die Konzentration, unabhängig davon, wann man schlafen geht, um 9 Uhr höher ist als um 8 Uhr. Klar, der Tagesablauf würde sich verschieben, aber es würde deutlich angenehmer, man könnte dem Unterricht besser folgen und sich bei Klausuren besser konzentrieren. Von daher würde ich das schon für eine gute Idee halten.

Zur Person: Der 16-jährige Vincent Köpp besucht derzeit die Q2 des Wilhelmsgymnasiums, ist also in seinem 11. Schuljahr. Er hat die Leistungskurse Politikwissenschaft und Französisch. Im vergangenen Frühjahr nahm er an einem dreimonatigen Schüleraustausch im französischen Nizza teil. In seiner Freizeit spielt der Kasselaner Klavier und Trompete und ist in der Bigband, dem Orchester und dem Chor des Wilhelmsgymnasiums aktiv. Außerdem fährt er Fahrrad und engagiert sich politisch in der Grünen Jugend Kassel.

Der Wettbewerb Jugend debattiert

"Jugend debattiert" soll zum Mitreden und Mitgestalten in der Demokratie bewegen. Bewertet werden Redebeiträge in vier Kategorien: Sachkenntnis, Ausdrucksvermögen, Gesprächsfähigkeit und Überzeugungskraft. Deutschlandweit haben in diesem Jahr fast 200.000 Schüler aus über 1200 Schulen teilgenommen. Aus Hessen meldeten sich über 17.600 Teilnehmer aus 125 Schulen an.

Bevor am 16. Juni die Bundessieger ermittelt werden, fanden auf Landesebene die Vorausscheidungen statt. Dafür hatten sich die Schüler über Regional- und Schulausscheidungen qualifiziert. „Jugend debattiert“ wurde 2001 vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau ins Leben gerufen und ist das größte privat-öffentlich finanzierte Projekt zur sprachlichen und politischen Bildung in Deutschland.

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