1. Startseite
  2. Kassel

Linken-Politikerin mit schwarzem Gürtel in Karate fordert OB Geselle heraus

Erstellt:

Von: Matthias Lohr

Kommentare

Weibliche Doppelspitze bei den Kasseler Linken: Violetta Bock (links) kandidiert für die Partei als Oberbürgermeisterkandidatin, Sabine Leidig führt nun die Fraktion im Stadtparlament an.
Weibliche Doppelspitze: Violetta Bock (links) kandidiert für die Linken bei der OB-Wahl, Sabine Leidig führt nun die Fraktion im Stadtparlament an. © Privat/nh

Mit 34 Jahren hat die Linken-Politikern Violetta Bock bereits eine Menge Erfahrung. Nun will sie Kasseler Oberbürgermeisterin werden. Den Fraktionsvorsitz übernimmt eine Ex-Bundestagsabgeordnete.

Kassel – Violetta Bock hat ungewöhnliche Vorbilder für ihre politische Arbeit. In einem HNA-Porträt nannte die Linken-Fraktionsvorsitzende im Kasseler Stadtparlament voriges Jahr „die Streikenden bei Amazon“. Von denen habe sie viel gelernt, sagt die Politikwissenschaftlerin, die ihre Master-Arbeit über den Streik bei dem Online-Händler schrieb. Es gehöre Mut dazu, es mit so einem mächtigen Arbeitgeber aufzunehmen.

Angesichts der Konkurrenz gehört wahrscheinlich auch Mut dazu, für die Linken als Oberbürgermeisterkandidatin anzutreten. Das macht die 34-Jährige nun. Auf der Kreismitgliederversammlung wurde Bock einstimmig gewählt. Im Rennen bis zum 12. März 2023 muss sie sich nicht nur gegen Ex-Landesministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) und Sven Schoeller (Grüne) behaupten, sondern wohl auch gegen Amtsinhaber Christian Geselle. Der will in Kürze bekannt geben, ob er noch einmal für die SPD, als parteiunabhängiger Kandidat oder gar nicht antritt.

Sollte der Rathaus-Chef auf eigene Faust kandidieren, wollen die Sozialdemokraten eine personelle Alternative benennen. Schon jetzt ist klar: Selten war eine Kasseler OB-Wahl so spannend wie diese. Den Linken, die im Stadtparlament die viertgrößte Fraktion stellen, und Bock würde damit eine nicht unerhebliche Rolle zufallen. Die Antwort auf die Frage, wer es in eine Stichwahl schaffen könnte, hinge dann wohl auch davon ab, wie viele Wähler für Bock stimmen.

Ihre Parteikollegin Sabine Leidig ist jetzt schon voll des Lobes: „Violetta findet klare Worte gegen Kapitalismus, Ausbeutung und Diskriminierung, ohne allgemein zu lamentieren oder respektlos“ gegenüber der politischen Konkurrenz zu sein. Die ehemalige Bundestagsabgeordnete wurde von den Linken-Mitgliedern ebenfalls einstimmig zur neuen Fraktionschefin gewählt. Die 61-Jährige löst damit „turnusgemäß“ nicht nur Bock, sondern auch Lutz Getzschmann ab, der künftig mit Miriam Hagelstein Stellvertreter ist. Man wolle regelmäßig rotieren, der Teamgedanke solle im Vordergrund stehen, heißt es. Zudem sei eine Doppelspitze nicht mehr nötig, nachdem der Stadtverordnete Mirko Düsterdieck aus der Fraktion ausgetreten ist und nun als fraktionsloser Stadtverordneter weiter macht.

Das sind einige Veränderungen bei den Linken, die zuletzt auch die Rückzüge ihrer Stadtverordneten Luisa Sümmermann und Tabea Mößner verkraften mussten, die durch Jenny Schirmer und Ali Timtik ersetzt wurden. Im Stadtparlament ist Bock trotz ihres jungen Alters bereits eine Konstante. Seit ihrem Einzug 2016 hat sie sich einen Namen als sachkundige Rednerin gemacht. Man trifft die gebürtige Passauerin, die wegen des Studiums der Politikwissenschaften und „Global Political Economy“ nach Kassel kam, aber auch regelmäßig auf der Straße. Bock ist oft bei Demos gegen Rechts, von Fridays for Future oder des Seebrücke-Bündnisses aktiv.

Es überrascht daher nicht, dass sich die Linken-Kandidatin, die mit ihrem Partner in Rothenditmold lebt und im Fraktionsbüro arbeitet, nicht nur innerhalb ihrer Partei für den sozialen und ökologischen Umbau einsetzen will: „Wir wollen Kommunalpolitik und konkrete Veränderungen mit den Gruppen in der Stadt entwickeln, die unter den aktuellen Entwicklungen am meisten leiden, und mit allen, die sich für Demokratisierung und Klimagerechtigkeit engagieren.“ Dies solle auf Augenhöhe geschehen und nicht von oben herab.

Ihre Kollegin Leidig fordert: „Die Stadt muss vor allem diejenigen unterstützen, die wenig Ressourcen haben und verbrauchen.“ Etwa mit einem Nulltarif für Bus und Bahn, gezielter Nothilfe für Energiekosten und mit günstigem Wohnraum.

Linken-Vorstand Myriam Kaskel lobt Bock als „Mensch, der mit Herz und Verstand unsere linken Inhalte verkörpert – im Parlament und auf der Straße – ohne das eigene Ego in den Mittelpunkt zu stellen, wie manch andere.“

Dass man auch auf die Straße gehen muss, um politische Ziele zu erreichen, hat Bock übrigens schon vor ihrer Arbeit über die Streikenden bei Amazon gelernt. Ihre Eltern nahmen sie und ihre beiden Geschwister bereits als Kinder mit zu Demos gegen Atomkraft und den Krieg im Irak.

Falls es im Wahlkampf hart werden sollte, ist Bock auch dafür gewappnet: In Karate hat sie einen schwarzen Gürtel. (Matthias Lohr)

Auch interessant

Kommentare