Volkswagen-Werk wächst in allen Bereichen – Mitarbeitern wird viel abverlangt

Baunatal. Das Volkswagen-Werk Kassel mit seinen 13 200 Stammbeschäftigten und 1500 Zeitarbeitern in Baunatal steht vor einer herkulischen Aufgabe, die den Mitarbeitern viel abverlangen wird.

Zum einen muss das konzernweite Getriebeleitwerk mit den bestehenden Produktionslinien in diesem Jahr mit knapp 3,9 Millionen Getrieben elf Prozent mehr liefern als im bisherigen Rekordjahr 2010, als fast 3,5 Mio. Einheiten von den Bändern liefen. Zum anderen müssen zwei komplett neue Montagelinien für neue Getriebetypen aufgebaut und nahezu alle bestehenden erweitert werden - bei vollem Betrieb. Und als ob das alles noch nicht reichte, müssen ganze Hallen ausgeräumt und neue gebaut werden.

Ganz nebenher wird auch noch der Produktionsanlauf für völlig neue Antriebe für Elektro- und Hybridautos vorbereitet, für deren Entwicklung und Fertigung die Baunataler gegen harte interne und externe Konkurrenz den Zuschlag bekommen haben. 518 Millionen Euro investiert der Konzern allein in diesem und im kommenden Jahr in seinen nordhessischen Standort. Bis 2015 sollen nochmals gut 830 Mio. Euro nach Baunatal fließen – macht zusammen rund 1,35 Milliarden Euro in fünf Jahren.

Diese gewaltigen Produktionssteigerungen und Investitionen verlangen den Beschäftigten viel ab. Überstunden, Samstags- und Sonntagsarbeit sowie Sechs-Tage-Wochen sind seit fast einem Jahr die Regel. Das Management weiß um die Opfer, die viele Werker, aber auch die Mitarbeiter in den indirekten Bereichen bringen. „Das alles ist nur mit einer hochmotivierten und qualifizierten Mannschaft zu stemmen. Dafür danke ich allen Mitarbeitern“, sagte Werkleiter Hans-Helmut Becker in der gestrigen Betriebsversammlung.

780 neue Festangestellte

Der Dank drückt sich allerdings nicht nur in Worten aus. Mit der Übernahme von 780 Zeitarbeitern auf feste Stellen und neuen Schichtmodellen soll die Stammbelegschaft zumindest etwas entlastet werden, bis die neuen Fertigungskapazitäten stehen. Wie groß der Druck auf die Belegschaft ist, beschrieb die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Renate Müller mit den Worten: „Wir haben Wachstumsschmerzen und müssen aufpassen, dass daraus keine chronische Erkrankung wird“.

Mittelfristig könnte auch eine vom Betriebsrat geforderte Erhöhung der Ausbildungsstellen Entlastung bringen. Vorsitzender Jürgen Stumpf jedenfalls hält 270 Plätze je Jahrgang für möglich. Derzeit sind es 200. Aber der Druck lastet nicht auf Baunatal allein. 2009 verkaufte der Konzern 6,3 Mio. Autos, 2010 waren es bereits 7,2 Mio., und dieses Jahr sollen es deutlich mehr als acht Mio. werden. Der Zuwachs könnte sich nach Branchenschätzungen bei 1,4 Mio. Autos einpendeln, was nahezu der gesamten Produktion von BMW und Mini im vergangenen Jahr entsprechen würde. Getragen werden die Absatzsteigerungen vor allem vom boomenden chinesischen Markt.

Neben Getrieben liefert das Werk in Baunatal Karosserieteile und Abgasanlagen, in der europaweit größten Gießerei entstehen Vorprodukte, vor allem für den Getriebebau. Und das Original Teile Center (OTC), das ebenso boomende und schnell wachsende Herzstück des weltweiten Ersatzteilgeschäfts, gilt als eine der größten Logistikeinrichtungen weltweit. „So viel Kompetenz in dieser Breite ist konzernweit einmalig“, sagt Werkleiter Becker selbstbewusst.

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Die VW-Werker in Baunatal geben im Moment alles. Die kräftigen Produktionssteigerungen mit Anlagen, die anfänglich nicht für derart hohe Stückzahlen ausgelegt waren, verlangen ihnen große Opfer ab: Überstunden, Samstags- und Sonntagsarbeit, Sechs-Tage-Wochen. Aber die Mühen lohnen sich. 780 neue, feste Stellen will der Konzern in diesem Jahr in Nordhessen schaffen, und daraus könnten noch mehr werden, wenn sich die Autokonjunktur in China und anderen aufstrebenden Ländern der Welt nicht merklich abkühlt.

Was dem Standort langfristig aber noch mehr nutzen dürfte, sind die Milliardeninvestitionen. Sie sichern das Werk für viele Jahre. Betriebsrat und Werkmanagement haben die Gunst der Stunde genutzt und mit Zugeständnissen bei Schichtmodellen und Arbeitszeiten die Zukunftsinvestitionen geschickt durchgesetzt. Dieser Erfolg war aber nur möglich, weil die Baunataler in den vergangenen Jahren mit hervorragenden Produkten und erheblichen Produktivitätssteigerungen punkten konnten. Das zahlt sich jetzt aus.

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