Beute im Wert von 1,3 Millionen Euro

"Opa" als angeblicher Drahtzieher: VW-Diebstähle vor Gericht

Kassel. Tonnenweise sollen frühere Volkswagen-Mitarbeiter wertvolle Abfälle von VW in Kassel entwendet und verkauft haben. Zwei von ihnen müssen sich nun vor Gericht verantworten. 

Reich durch Staub - davon träumten offenbar Zeitarbeiter bei Volkswagen in Kassel. In den Jahren 2007 und 2008 sollen sie ein System aufgebaut haben, um edelmetallhaltigen Katalysatorstaub von einem Werksgelände zu schmuggeln und zu verkaufen. 

Seit Dienstag stehen zwei mutmaßliche Täter deswegen erneut vor dem Landgericht Kassel. Im vergangenen Jahr war wegen Abwesenheit von Zeugen der Prozess geplatzt. Nun will die Angeklage einem 61-Jährigen und 54-Jährigen aus Kassel nachweisen, dass sie Katalysatorstaub im Wert von 1,3 Millionen Euro entwendet haben.

Dem Sohn eines Angeklagten (29) wird Geldwäsche vorgeworfen. Er hatte laut Anklage 200.000 Euro aus dem Verkauf des Diebesguts angenommen und ein Grundstück erworben. Wie das System funktioniert haben könnte, schilderten ein Ermittler und ein Zeuge, der selbst Täter war: Demnach schnitten Arbeiter die alten Katalysatoren in der Recycling-Anlage auf und der Inhalt - sogenannter Monolithenbruch - fiel in eine Kiste. Einige Mitarbeiter boten Kollegen 25 Euro, wenn sie eine Kiste nach Feierabend gefüllt stehen ließen. Am nächsten Morgen war der Behälter leer. Durch ein Fenster und mit Hilfe eines nachgemachten Schlüssels hätten die Täter den Staub abtransportiert, so der Zeuge. 

Drahtzieher als "Opa" bekannt

Einer der Drahtzieher sei ein Mann gewesen, der Ermittlern zunächst nur als "Opa" bekannt war. Doch handelt es sich bei "Opa" um den angeklagten 61-Jährigen? Und hat er wirklich in 170-Fällen insgesamt 17 Tonnen Katalysatorreste abgezweigt? Antworten auf diese Fragen zu bekommen, war für den Vorsitzenden Richter Volker Mütze harte Arbeit. Denn die Angeklagten schwiegen. 

Ein weiteres Problem: Die Mitglieder der Bande und ihre Rollen wechselten. Die Erkenntnisse der Polizei beziehen sich hauptsächlich auf spätere Diebstähle. Ins Visier der Polizei geriet der 61-jährige Angeklagte unter anderem wegen seines Lebensstils: Trotz Zeitarbeit habe seine Familie ein hochwertiges Haus und teure Autos gehabt. Die Verteidigung bezweifelte den Wert solcher Ermittlungen und legte den Finger in die Wunde: Den zeitlichen Abstand von zehn Jahren zwischen Tat und Verhandlung. "Ich weiß das nicht mehr", mussten Zeuge und Ermittler bei Nachfragen mehrfach einräumen. 

Dass Richter Mütze versuchte, dem Zeugen mit Aussageprotokollen auf die Sprünge zu helfen, machte die Verteidiger zornig: "Sie legen dem Zeugen Antworten in den Mund." Genug Zeit, um mehr Licht ins Dunkel zu bringen, hat das Gericht: Angesetzt sind bislang sieben Verhandlungstage bis Mitte Juni. 

Der Volkswagen-Konzern hat nach eigenen Aussagen schon lange Konsequenzen aus den Diebstählen gezogen. Es gebe neben Einbruchmeldeanlagen eine präzise Datendokumentation der Abfallmengen, sagte der Kasseler VW-Sprecher Heiko Hillwig auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur: "Diese Bilanzen werden monatlich erstellt, um Auffälligkeiten schnell zu erkennen." 

Die Verhandlung wird am Dienstag (16. Mai) ab 9.30 Uhr fortgesetzt.

Von Göran Gehlen, dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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