VW-Chef stellt Batterie-Werk in Aussicht und versucht, Kritiker zu besänftigen

Volkswagen setzt mit Vollgas auf E-Antrieb

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In der Kritik der Aktionäre: Hans Dieter Pötsch, Vorsitzender des VW-Aufsichtsrates, und VW-Vorstandschef Herbert Diess. 

VW-Chef Herbert Diess konnte den Dieselskandal bisher nicht abschütteln. Nun tritt er die Flucht nach vorn an - und will Anleger und Kritiker mit einem Maßnahmenbündel besänftigen.

Diess drückt aufs Tempo: „Großen Ballast können wir uns auf Dauer nicht leisten.“ Tempo bei der Transformation des Wolfsburger Autobauers: vom Anbieter von Verbrennungsmotoren zum Anbieter für Elektromobilität, Tempo beim autonomen Fahren, Tempo bei neuen Mobilitätsdiensten, Tempo beim Kosten drücken.

Bis 2023 sollen knapp sechs Milliarden Euro gespart werden, um die Rendite zu steigern und die hohen Investitionen in die E-Mobilität zu stemmen. Zudem kündigte Diess am Dienstag auf der Hauptversammlung in Berlin vor Aktionären an: „Wir überprüfen, ob wir noch der beste Eigentümer für die unterschiedlichen Geschäfte sind.“

VW hat Maßnahmen-Paket geschnürt

Am Vorabend hatte der Konzern ein Maßnahmen-Paket geschnürt: Einstieg in die Batteriezellenfertigung in Salzgitter und die Aussicht auf einen Börsengang der Lkw- und Bustochter Traton. Zudem stellte VW die Zukunft des Maschinenbauers Renk sowie des Großmotoren- und Turbinenbauers MAN Energy Solutions unter dem Konzerndach infrage.

In der Vergangenheit scheiterten geplante Verkäufe oft am Widerstand des Betriebsratschefs. Bernd Osterloh machte am Dienstag zur Bedingung, dass Verschlechterungen für die Belegschaft ausgeschlossen werden müssten. Mit der Batteriezellenfertigung, die noch unter Vorbehalt stimmiger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen steht, kann die Arbeitnehmerseite aber nun auf Arbeitsplätze hoffen. Ende 2022 oder Anfang 2023 soll in Salzgitter die Zellfertigung mit 700 Mitarbeitern starten.

Diess will Politik auf reinen Elektroantrieb einschwören

Gegen Widerstände in der Automobilbranche will Diess die Politik auf den reinen Elektroantrieb einschwören. „Auf absehbare Zeit gibt es keine Alternative zum batterieelektrischen Antrieb“, sagte er. Volkswagen habe die Substanz, „die globale Aufstellung und Finanzkraft“, um den Wandel in der Industrie nicht nur „mitzugestalten, sondern ihn voranzutreiben“ – um auch in der „neuen Mobilitätswelt eine Führungsrolle einzunehmen“.

Mehr Arbeit für VW-Werk in Baunatal

Im Werk Kassel in Baunatal werden bereits E-Antriebe für die ID-Familie gefertigt. „Perspektivisch werden es bis zu 2000 Einheiten pro Tag sein“, verrät Standortsprecher Heiko Hillwig. Rund 1000 Mitarbeiter werden dann in der Fertigung arbeiten. Etwa 100 Bauteile umfasst der E-Antrieb. Der E-Motor für die Vorderachse „wird komplett in Kassel gefertigt“, so Hillwig.

Proteste vor der Halle

Die Worte von Vorstandschef Diess über die globale Aufstellung und Finanzkraft des Konzerns, dürften Balsam für die Aktionärsseelen gewesen sein. Auch in diesem Jahr mussten sich die Aktionäre wieder mit der Dieselaffäre befassen. Seit dreieinhalb Jahren überlagert sie den Konzern. Ein Ende? Nicht in Sicht. Auch am Dienstag protestierten Klimaaktivisten vor der Halle.

Zigtausende Kundenklagen stehen bevor

Zwar ist es VW gelungen mit der Zahlung der Bußgeldbescheide gegen Volkswagen, Audi und Porsche von insgesamt 2,35 Milliarden Euro alle NOx-Verfahren gegen den Konzern in Deutschland zu beenden, so Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. Nach wie vor stehen aber zigtausende Kundenklagen an sowie Anklagen gegen Ex-Konzernchef Martin Winterkorn und vier weitere Führungskräfte. Am 30. September beginnt die erste Musterfeststellungsklage vor dem Oberlandesgericht Braunschweig.

Dieselskandal kostet bisher 30 Milliarden Euro

30 Milliarden Euro hat der Konzern bislang für den Dieselskandal auf den Tisch gelegt, da bleibt die Kritik der Aktionäre nicht aus – auch wenn die Wolfsburger mit ihren Geschäftszahlen trotz Branchenflaute und den Herausforderungen für den Konzern-Umbau recht gut dastehen. Angesichts des Tempos, mit dem Diess kämpferisch nach vorn drängte, dürfte es ihm nicht geschmeckt haben, dass er sich erneut mit der Vergangenheit beschäftigen muss.

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