Offenes Atelier

32-jähriger Arzt eröffnet Galerie in Kassel - Quereinstieg in die Kunstbranche

Sebastian Haag sitzt auf einem Stuhl in seinem Atelier Ctol neben einer seiner Arbeiten.
+
Sebastian Haag in seiner Galerie Ctol: In einem Raum an der Tischbeinstraße 53 vereint er Atelier und Ausstellungsraum und will mit Menschen ins Gespräch kommen. Langfristig möchte er auch Werke anderer Künstler ausstellen.

Naturalistische Gemälde fettleibiger Menschen, eine großformatige Vulva, eine Papierskulptur, die auf ihren fülligen Körper herunterschaut: So sieht Sebastian Haags Quereinstieg in die Kunstbranche aus.

Kassel – An der Tischbeinstraße 53 hat er die Galerie Ctol eröffnet, die gleichzeitig sein Atelier ist. Ctol ist russisch und heißt Tisch – passend zur Tischbeinstraße. In Russland habe er sein Freiwilliges Soziales Jahr gemacht, in einem Obdachlosenasyl und einem Kinderheim in St. Petersburg. Danach stand er vor der Frage: Medizin oder etwas Kreatives. Er entschied sich für ein Medizinstudium.

Von 2010 bis 2017 studierte er an der Berliner Charité und in Kopenhagen, wo er nach einem Auslandssemester hängen blieb und den Übergang vom Studierenden zum Assistenzarzt schaffte. Zuletzt arbeitete er in der Neurologie und Psychiatrie. Parallel dazu vertieft er sich seit einem Jahr in den kreativen Ausdruck seiner Gedanken, Erfahrungen und Gefühle, mietete im Juni den Raum an der Tischbeinstraße und verwandelte ihn in ein offenes Atelier.

So begegnet man dort einem jungen Künstler, der sich zugunsten der Leidenschaft gegen finanzielle Sicherheit entschieden hat. „Ich habe gearbeitet und haue gerade Gespartes auf den Kopf. Wenn ich hiermit kein Geld verdiene, dann muss ich mir halt wieder einen Job suchen“, sagt der 32-Jährige, der in Kassel aufwuchs, wo er noch immer Familie und Freunde hat.

Rund 2300 Euro brauche er im Monat zum Leben, für die Mieten von Galerie und WG-Zimmer und für die Lebenshaltung. „Da ist es mit dem einmaligen Verkauf eines Bildes nicht getan.“ Sollte es nicht klappen, falle er nicht tief: „Ich habe ja die Ausbildung.“

Zwei Themen, die ihn besonders bewegen, sind Adipositas und sexueller Missbrauch. So kam es zur Vulva aus Holzleisten, die umringt ist von Titeln einer Porno-Plattform im Internet. Und zum naturalistischen Porträt einer fettleibigen Frau, der auf dem Krankenbett liegend die Schuhe ausgezogen werden, weil sie es nicht mehr selbst schafft. „Als Mediziner arbeitest du reaktiv. Kannst erst dann handeln, wenn es schon zu spät ist. Schon in der Ausbildung wird der Fokus zu wenig auf die Vorbeugung von Krankheiten gelegt.“ Als Künstler könne er auf Dinge aufmerksam machen, bevor es zu spät ist.

Was der Besucher des Ateliers sieht, ist eine Mischung aus Figurativem und Abstraktem. Groß sind seine Öl-Gemälde. Manche Bilder seien intuitiv entstanden, „einfach Farben und Formen wirken lassen“. Andere sind inspiriert von Gemälden anderer Künstler, wie etwa Per Kirkeby. „Für mich sind das Übungen.“ So trennt er auch auf der Internetseite atelierctol.de „Eigene Werke“ von „Inspiration, Kopien, Übungen“.

Haag will üben, sich entwickeln und es auf die Kunsthochschule schaffen. Eine klare Linie habe er noch nicht. Aber die Überzeugung, dass es Menschen gibt, die seine Gemälde kaufen. (Anna Lischper)

Info: Am 29. Oktober soll das Atelier ab 15 Uhr feierlich eröffnet werden. Infos unter atelierctol.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.