Interview mit Ariane Kalb zur finanziellen Situation der Geburtshilfe

„Vom Beruf der Hebamme kann man nicht gut leben“

Kassel. Die massive Erhöhung der Prämien für die Berufshaftpflichtversicherung hat die freiberuflichen Geburtshelferinnen finanziell massiv in Bedrängnis gebracht. Seit Monaten verhandeln Hebammenverbände mit den Krankenkassen über mehr Geld.

Über die Herausforderungen des Berufsstandes sprachen wir mit Ariane Kalb, freiberufliche Hebamme in der Hebammenpraxis Harleshausen. Die Einrichtung feiert an diesem Wochenende ihren zehnten Geburtstag. Auf mehr als 1000 Geburten blicken die sieben freiberuflichen Geburtshelferinnen zurück.

Frau Kalb, wie haben sich Ihr Beruf und auch die Bedürfnisse werdender Mütter verändert?

Kalb: Die Betreuung ist weitaus individueller und anspruchsvoller geworden. Inzwischen leisten wir freiberuflichen Hebammen in unserem Rahmen auch Erziehungs- und psychologische Beratung. Da es in Kassel nur noch zwei Kliniken mit je weit über 1000 Geburten jährlich gibt, bleibt für festangestellte Hebammen nur noch wenig Zeit, individuelle Geburtsbegleitung zu leisten. Wir spüren, dass die Nachfrage nach Beleggeburten, wie wir sie in der Koch-Klinik anbieten, stark zugenommen hat. Die werdenden Mütter wünschen verstärkt eine persönliche Betreuung während der Geburt, auch wenn sie dafür 400 Euro zahlen müssen.

Die Zahl der Kaiserschnittgeburten ist stark angestiegen - wie bewerten Sie das?

Kalb: Auch das hat was mit der nicht so guten individuellen Betreuung zu tun: Es gibt Mütter, die berichten, dass ihr Kaiserschnitt womöglich vermeidbar gewesen wäre, hätte man sich besser um sie gekümmert. Grundsätzlich sehen wir vor allem die Wunschkaiserschnitte kritisch. Um konkurrenzfähig zu bleiben, lassen Kliniken inzwischen Kaiserschnitte zu, die medizinisch nicht notwendig gewesen wären. Wir warnen davor auch in unseren Geburtsvorbereitungskursen: Es handelt sich um eine große Operation, die nicht ohne Risiko ist.

Nach zähem Ringen sollen nun die höheren Kosten durch die Prämiensteigerungen für die Berufshaftpflichtversicherung von den Kassen übernommen werden. Sind Sie damit zufrieden?

Kalb: Anders als Geburtshäuser und Hausgeburten kommen Beleghebammen dabei schlecht weg. Zumal nur die zweite Prämienerhöhung von 3680 Euro auf 4242 Euro von den Kassen übernommen wird. Zuvor gab es aber schon eine Steigerung von 1800 auf 3600 Euro, auf der wir sitzen bleiben.

Auch um eine bessere Vergütung kämpfen freiberufliche Hebammen derzeit ...

Kalb: Eine Anhebung der Vergütung um zehn Prozent ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Für 7,50 Euro - unserem derzeitigen Stundenlohn - würde kein Handwerker ins Auto steigen. Zumal man permanent erreichbar sein muss und viel Privatleben opfert. Gut leben kann man von diesem Beruf sicher nicht. Viele meiner Kolleginnen haben inzwischen schon aufgegeben.

Man braucht also viel Idealismus?

Kalb: Dieser Beruf muss Berufung sein. Der Verdienst ist unbefriedigend, nicht aber der Beruf als solcher: Wir sind am Beginn des Lebens dabei. Und wir spüren viel Dankbarkeit. Leider wird unser Einsatz gesellschaftlich noch zu wenig honoriert. Aber Hebammen waren immer kämpferisch.

Von Anja Berens

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