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Von der Körperhygiene zur Kunst

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Von: Thomas Siemon

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Beliebte Adresse: Die Aufnahme entstand kurz nach der Eröffnung des Hallenbades im Jahr 1930 bei einem Schwimmwettkampf. Archi
Beliebte Adresse: Die Aufnahme entstand kurz nach der Eröffnung des Hallenbades im Jahr 1930 bei einem Schwimmwettkampf. Archi © Stadtmuseum/nh

Die documenta fifteen findet auch im Kasseler Osten statt. In einer Serie beleuchten wir die Stadtteile, die nun in den Fokus rücken und schauen auch auf die Standorte der documenta.

Kassel – Wenn wir heute ins Schwimmbad gehen, dann ist das in erster Linie Erholung und Freizeitgestaltung. Gut, es gibt auch sehr sportliche Menschen, die im Wasser trainieren. Doch als Ort der Körperhygiene haben die öffentlichen Bäder längst schon keine größere Bedeutung mehr. Als das Hallenbad in Bettenhausen im Jahr 1930 eröffnet wurde, war das noch ganz anders. Da gab es rund um das im Bauhausstil errichtete Gebäude jede Menge Industriebetriebe. Der bekannteste dürfte die Textilfabrik Salzmann gewesen sein, deren sanierungsbedürftiger Gebäudekomplex gleich um die Ecke des Hallenbades an der Sandershäuser Straße steht.

Die wenigsten Menschen, die in den 1930er-Jahren in Bettenhausen eine Mietwohnung hatten, verfügten über eine eigene Badewanne. Deshalb wurde das damals sehr moderne Hallenbad, das neben dem Schwimmbecken auch über sogenannte Volksbadewannen verfügte, gern genutzt. Weil man hier nicht nur seine Bahnen ziehen, sondern sich auch ausgiebig waschen konnte. Das Bad war eine Attraktion und verzeichnete im ersten Jahr 230 000 Besucher.

Hintergrund für den Bau des architektonisch ansprechenden Bades war die Bevölkerungsentwicklung Kassels. Durch die zunehmende Industrialisierung, zu der unter anderem das Großunternehmen Henschel beitrug, zog es immer mehr Menschen in die Stadt. Die Bevölkerung wuchs in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts auf über 100 000 Menschen.

Wichtig für den Standort des Hallenbades war das große Gaswerk, das in der Nähe im Jahr 1894 in Betrieb genommen wurde. Über einen rund 500 Meter langen Kanal wurde das Bad an verschiedene Versorgungsleitungen angeschlossen. Mit überschüssiger Wärme des Gaswerks, Dampf und auch Wasser sicherten die Städtischen Werke den Betrieb. So ähnlich hatte das bereits Jahre zuvor der Fabrikant Gustav Henkel in Wilhelmshöhe gemacht. Henkel verdiente sein Geld mit Kohle aus dem Habichtswald. Die wurde unter anderem über die Kohlenstraße auf der Schiene transportiert. Neben dem von Henkel betriebenen Elektrizitätswerk in Wilhelmshöhe entstand 1896 Kassels erstes Hallenbad mit einem angrenzenden Gewächshaus. In diesem Palmenbad entstand vor einigen Jahren ein Restaurant mit einem Hotel.

Das Hallenbad in Bettenhausen wurde im Zweiten Weltkrieg zwar beschädigt, ging aber bereits 1949 wieder in Betrieb. An den Ausmaßen mit einem 25 Meter langen und zwölf Meter breiten Becken hatte sich nichts geändert. Hallenbad Ost hieß es übrigens erst ab den 1970er-Jahren. Diese Orientierung wurde nötig, weil Kassel mit dem – mittlerweile abgerissenen – Stadtbad Mitte und dem Hallenbad Süd in Oberzwehren neue überdachte Bäder hinzu bekam.

Weder eine finnische Sauna noch Solarien oder andere Neuerungen konnten verhindern, dass die Besucherzahlen im Hallenbad Ost in den 1990er-Jahren immer mehr zurückgingen. Die baulichen Mängel waren damals schon unübersehbar. Als sich von der Decke kleinere Betonstücke lösten und auch an anderen Stellen Risse auftraten, schlossen die Städtischen Werke im Jahr 2007 das Bad. Nach einem langen Dornröschenschlaf hat das Büro KM Architekten es wieder zum Leben erweckt. Das Hallenbad Ost mit einem Veranstaltungsraum im ehemaligen Schwimmbecken, mit Tagungs- und Eventmöglichkeiten sowie neuerdings einem Biergarten ist zu einem echten Schmuckstück geworden. Die Erinnerung an ein Stück Kasseler Badekultur lebt hier weiter. Während der documenta, bei der die Räumlichkeiten genutzt werden sollen, kann man sich davon überzeugen. (Thomas Siemon)

Langer Dornröschenschlaf: das 2007 geschlossene Hallenbad Ost vor der Sanierung. Archi
Langer Dornröschenschlaf: das 2007 geschlossene Hallenbad Ost vor der Sanierung. Archi © Lothar Koch
Nach dem Umbau: Das frühere Schwimmbecken ist zum Veranstaltungsraum geworden. Archi
Nach dem Umbau: Das frühere Schwimmbecken ist zum Veranstaltungsraum geworden. Archi © Andreas Fischer

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