Bewährungsstrafe für 49-Jährige

Prozess wegen Steuerhinterziehung: „Von der Gier gepackt“

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Kassenführung außer Kontrolle: Auf ungefähr 120 000 Euro beläuft sich der Fehlbetrag bei Finanzamt und Sozialversicherung, wegen dem sich eine Geschäftsführerin in Kassel vor Gericht verantworten musste. Vor dem Richter legte die Frau ein umfassendes Geständnis ab.

Kassel. „Irgendwann packt einen die Gier“, sagte die 49-jährige Frau, die sich am Mittwoch wegen illegaler Beschäftigung von Arbeitnehmern und Steuerhinterziehung vor dem Amtsgericht verantworten musste.

Sie habe als Geschäftsführerin eines innerhalb von drei Jahren schnell gewachsenen Unternehmens „die Kontrolle verloren“, gestand sie. Der Schaden, den sie dadurch beim Finanzamt und der Sozialversicherung anrichtete, beläuft sich auf etwa 120 000 Euro. „Ich habe es getan“, räumte sie am Donnerstag unumwunden ein. Sie erhielt eine Bewährungsstrafe.

Die Mutter von zwei Kindern hatte sich nach der Scheidung von ihrem Mann selbständig gemacht und ein Unternehmen in Kassel gegründet, das Glas- und Gebäudereinigung anbot, daneben Winter- und Kehrdienst sowie Hausmeistertätigkeiten. Die Haupteinnahmen wurden jedoch mit dem Sortieren von Leergut für ein großes Handelsunternehmen erzielt. Anfangs waren in der Firma 30 Leute beschäftigt, später verdoppelte sich diese Zahl. Dann musste das Unternehmen Insolvenz anmelden. 2011 war die Frau bei einer Verkehrskontrolle verhaftet worden, seitdem sitzt sie in Untersuchungshaft.

Sie räumte vor Gericht ein, dass sie von Anfang geplant hatte, weder Sozialversicherungsabgaben noch Steuern zu zahlen. Dadurch konnte sie günstige Angebote bei ihren Kunden abgeben. Sie selbst sei dann eben der Versuchung des Geldes erlegen: „Wenn man plötzlich solch hohe Summen zur Verfügung hat, meint man, immer mehr zu brauchen.“ Auf die Frage von Richter Klaus Döll, wie es nun, nach dem finanziellen Absturz, weitergehen soll, antwortete sie: „Ich suche mir Arbeit und stelle mich auf ein Leben am Existenzminimum ein.“ Eine Schadenswiedergutmachung, musste Richter Döll einsehen, „ist in weiter Ferne, es sei denn, Sie gewinnen im Lotto“.

Da die Frau alles einräumte, mussten keine Zeugen gehört werden. Das Gericht folgte am Ende weitgehend dem Antrag der Staatsanwaltschaft und verurteilte die Frau zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden. Außerdem muss sie 300 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

Richter Döll hielt ihr zugute, dass sie ein umfassendes Geständnis abgeliefert und bereits sechs Monate in Untersuchungshaft verbracht hat. Er wagte die Prognose, dass die Angeklagte, „wohl wieder etwas auf die Beine stellen wird“, um sich eine Existenz aufzubauen. Doch er warnte sie: „Lassen Sie die Finger von dieser Art selbständiger Arbeit!“

Von Ralf Pasch

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