Zum Tag des deutschen Bieres

Von Hütt bis Heimatliebe: Die vielfältige Bierlandschaft der Region

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21 Brauereien gibt es in der Region, von Ein-Mann-Betrieben bis Großbrauereien.

Bier ist schon lange mehr als nur Pils und Weizen: 21 vor allem kleine Brauereien der Region stellen Dutzende Sorten her. Wir stellen sie zum Tag des Bieres am 23. April vor.

Aktualisiert am 23. April 2018 - Frank Bettenhäuser spricht von "Fernsehbieren", wenn er über Veltins, Krombacher und andere Großbrauereien redet. Bettenhäuser ist als Inhaber der Kasseler Hütt-Brauerei zwar eine der letzten größeren Bier-Produzenten der Region (siehe Karte), kann jedoch bei der Massenproduktion der Großbrauereien nicht mithalten. Diese brauen jeweils mehrere Millionen Hektoliter im Jahr - gut das Hundertfache der Hütt-Produktion von 53.000 Hektoliter. Umgerechnet versorgt Hütt damit jeden der rund 200.000 Kasseler Einwohner mit knapp 53 0,5-Liter-Flaschen Bier im Jahr - etwa ein Bier pro Woche.

Deutsche trinken immer weniger (aber dafür teureres) Bier, trotzdem gibt es immer mehr Brauereien. Letzteres liegt vor allem an den vielen Craft- und Gasthaus-Brauereien, die in den vergangenen Jahren auch in der Region entstanden sind. Die neuste von ihnen ist die Biermanufaktur Rotenburg.

Einige der kleinen Brauereien sind Jahrhunderte alt, etliche andere wurden erst in diesem Jahrhundert gegründet, wie etwa die vier Jahre alte Osterbach-Brauerei in Gemünden. Inhaber Michael Lapp und Sven Riehl betreiben ihre Brauerei nebenberuflich, tagsüber arbeiten sie als Eisengießer (Riehl) und im öffentlichen Dienst (Lapp).

Sie alle stellen Craft-Bier her, auch wenn es nicht immer so genannt wird - das Trendwort bezeichnet strenggenommen jedes handwerklich hergestellte Bier. Craft-Bier-Produzenten zeichnen sich oft auch dadurch aus, dass sie kleine Mengen produzieren und viele und ausgefallene Sorten anbieten, so zum Beispielei 1000 Flaschen Honig-Bier, die der Fritzlarer Imker Oliver Hohmann mit Hütt gebraut hat. Schlagzeilen machte im Sommer auch das Bier der documenta 14, das "Sufferhead". 

Craft-Biere folgen manchmal bewusst nicht dem Reinheitsgebot, das nur vier Zutaten vorschreibt. So werden teilweise auch Früchte oder Kaffee eingebraut - oder sogar Lakritz, wie im Fall des dänischen Weihnachtsbieres Julebryg. Craft-Biere gibt es mittlerweile auch in Supermärkten zu kaufen - oder in spezialisierten Shops wie dem "Bottles" in Göttingen.

Kein großer Marktanteil

Frank Bettenhäuser ist nicht nur Chef der Hütt-Brauerei, sondern auch Biersommelier.

Einen großen Anteil am Markt haben diese handwerklich hergestellten, ausgefallenen Biersorten aber nicht. "Die machen nur etwa ein Prozent der verkauften Biere aus", sagt Bettenhäuser, fügt dann aber hinzu: "Das wird noch ein größerer Markt werden, da wollen wir dabei sein." Erste Craft-Brauereien hätten schon schließen müssen, so Bettenhäuser. "Die haben ein Vermarktungsproblem." Da die Zielgruppe für ausgefallenes, teureres Bier klein sei, müsse der Einzugsbereich umso größer werden. "Der Vertrieb ist dadurch schon sehr anspruchsvoll", sagt der Hütt-Chef.

Bei kleinen Brauereien fängt es schon beim Abfüllen des Bieres an. Die Osterbach-Brauerei habe gerade erst damit begonnen, Flaschen zu verkaufen. "Das ist viel aufwendiger als Fässer", sagt Michael Lapp. Hochburgen der Craft-Bewegung sind daher auch eher die Großstädte.

Die deutschen Brauereien feiern am 23. April den "Tag des Deutschen Bieres", an diesem Tag wird das Reinheitsgebot 502 Jahre alt. DAS deutsche Bier ist - zumindest außerhalb von Bayern - wohl das Pils. Noch immer dominiert diese Sorte die Kühlschränke und Keller der Region. In Nordhessen und Südniedersachsen hatte Pils im Jahr 2016 einen Marktanteil von über 60 Prozent. Das geht aus Daten des Marketing-Unternehmens Nielsen hervor. Demnach sind die Nordhessen wohl durstiger als ihre Nachbarn. Bewohner der Nielsen-Region Kassel trinken im Schnitt 66 Liter Bier pro Jahr, in der Region Braunschweig, zu der Nielsen auch Göttingen und Northeim zählt, liegt der Verbrauch bei 60 Litern pro Kehle und Jahr.

Brauereien werden experimentierfreudiger, was Biersorten angeht. Neben den Klassikern wie Pils und Weizen finden sich immer öfter exotische Sorten wie Indian Pale Ale, Porter oder Stout in den Regalen und Zapfhähnen der Region. Bei Hütt in Kassel braue man strenggenommen schon immer Craft-Bier, sagt Chef Bettenhäuser. So gibt es etwa seit 1972 das Hütt-Naturtrüb zu kaufen - eine Sorte, die heute oft von Craft-Bier-Brauereien hergestellt wird. Zu dieser Zeit habe Pils noch über 90 Prozent der Hütt-Produktion ausgemacht, sagt Bettenhäuser. Heute sind es keine zwei Drittel mehr. Mittlerweile verkauft Hütt unter verschiedenen Namen rund zwei Dutzend Biersorten. "Die beste Einführung seit langem war das Helle", sagt Bettenhäuser und spielt damit auf die etwa zwei Jahre alte Sorte an. 

Craft-Biere können kleinen und mittelständischen Brauereien aber auch dabei helfen, gegen die Großkonzerne zu bestehen, sagt Hütt-Chef Bettenhäuser. Denn durch deren billige Preise und industrielle Massenproduktion sei die "Wertanmutung weg". Bei kleinen Brauereien sei dies nicht der Fall. "Craft-Biere sind eine Frage der Glaubwürdigkeit" sagt Bettenhäuser.

Dieser Text erschien in einer früheren Version zuerst 2017 bei unserem Magazin HNA Sieben. 

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

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