Minister übergibt Erben Silbergefäß aus dem 18. Jahrhundert

Von Nazis in Kassel geraubter Becher kehrt heim

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Froh über die Rückgabe: Jason Bowie, der Enkel des ursprünglichen Eigentümers des Silberbechers, mit seiner Frau Barbara Maly-Bowie und seinem Sohn Elliot Bowie. Die Familie nutzte den Besuch in Kassel, um sich unter anderem den Bergpark anzuschauen. 

Kassel. Der 18 Monate alte Elliot ist begeistert von dem glänzenden Ding, das ihm sein Papa in die Hand drückt.

Sofort steckt er seinen Mund in den Silberbecher, den sein Vater Jason Bowie zuvor aus den Händen von Kunstminister Boris Rhein (CDU) in Empfang genommen hat. Elliot weiß nicht, was für ein geschichtsträchtiges Stück er da in seinen Händen hält. Seine Eltern werden es ihm vermutlich später mal erzählen.

Der Silberbecher aus dem 18. Jahrhundert stammt von Jason Bowies Großvater Dr. Walter Moritz Lieberg (1900-1975). Der jüdische Kunstliebhaber stammte aus einer Familie, deren Wurzeln in Wolfhagen liegen und lebte mit seiner Frau bis 1940 in Kassel. Bei einer Hausdurchsuchung im Jahr 1939 war Liebergs Kunstsammlung samt Becher von den Nazis geraubt worden. Die Flucht des Ehepaars führte über Frankreich, Spanien und Portugal. 1941 kamen beide in den USA an.

Kurz nachdem sie New York erreichten, kam ihr Sohn Henry Julian Lieberg zur Welt. Dieser lebt bis heute in Louisville im Bundesstaat Kentucky. Bis vor Kurzem hatte er keine Ahnung, dass in den Kasseler Archiven ein Silberbecher aus dem Besitz seines 1975 gestorbenen Vaters lagert.

Walter Moritz Liebergs Enkel Jason Bowie, der mit seiner Frau Barbara Maly-Bowie und seinem Sohn Elliot in Wien lebt und der nun nach Kassel kam, wird den Becher im Sommer seinem Onkel nach Louisville bringen. Dieser hat in einem bewegenden Brief dargelegt, wie sehr er sich über die Rückkehr des Familienstücks freue. Die Familie werde es lange Zeit in Ehren halten.

Entdeckt worden war die Raubkunst vom Herkunftsforscher Günther Kuss. „Es war ein Zufallsfund“, sagt Kuss. Denn sein Auftrag war es eigentlich, zwei Jahre lang Gemälde der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK) unter die Lupe zu nehmen, die zwischen 1933 und 1945 erworben wurden.

Beim Wälzen der Akten stieß er auf die Hausdurchsuchung bei Familie Lieberg. Die Nazis hatten dokumentiert, dass dabei der Silberbecher und zwei Bücher Liebergs in den Bestand des Landesmuseums übergegangen sind. Die Bücher befinden sich aber nicht mehr im Bestand des Museums – konnten also nun nicht zurückgegeben werden. Durch eine Gravur des Silberschmieds konnte der Silberbecher eindeutig zugeordnet werden. Ansonsten sind die Forscher beim Durchforsten der MHK-Bestände auf keine neuen Fälle von NS-Raubkunst gestoßen.

Kunstminister Boris Rhein (CDU) sagte bei der Rückgabe des Bechers: „Es ist unsere Verpflichtung, die Geschichte aufzuarbeiten. Wir sind zwar keine Tätergeneration, aber eine Verantwortungsgeneration.“ Und MHK-Direktor Prof. Dr. Bernd Küster ergänzte, man gebe den Becher gerne zurück. Auf diese Weise könne das unfassbare Unrecht zumindest in kleinen Schritten korrigiert werden.

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