Kasselerin gewinnt Geschichtswettbewerb

Entdeckung im Schularchiv: Lehrer Otto Kneip war von Olympia 1936 ausgeschlossen

Otto Kneip (1892-1941, Mitte) war Schüler der Werk- und Kunstakademie Kassel und der Kunstgewerbeschule.
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Otto Kneip (1892-1941, Mitte) war Schüler der Werk- und Kunstakademie Kassel und der Kunstgewerbeschule.

Es wäre die Krönung eines intensiven und aktiven Lebens voller großer Begabungen gewesen. Otto Kneip hatte sich als Turner für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin qualifiziert - doch es kam anders.

Kassel - Wegen seiner jüdischen Herkunft schlossen die Nationalsozialisten den Kasseler Lehrer jedoch kurzfristig vom Wettbewerb aus. Seine Verzweiflung darüber, beim olympischen Wettbewerb 1936 nicht dabei sein zu dürfen, war groß. Otto Kneip formulierte sie in dem Text „Meine Olympia“.

Darin heißt es: „Ich bin auch moralisch in Ketten gezwungen, ohne gefehlt zu haben. Das ist mein gigantisches Opfer, das mir so auferlegt wird und das mir nur meine ehrlich christliche Überzeugung und Weltanschauung tragen lässt. Alle Rassen, alle Zungen und eine olympische Idee! Ja, warum kann ich nicht eben nur als Miterlebender an diesem Olympia 1936 in Deutschland teilnehmen? Weil meine Seele stark blutet, weil mein Innerstes wund ist. So muss meine Olympia 1936 ein inneres Olympia bleiben.“

Seinen Beruf auszuüben hatten die Nazis ihm schon vorher verboten. Bis zur Machtübernahme Hitlers war er Kunst- und Sportlehrer am Friedrichsgymnasium. 1941, wurde der Vieltalentierte – er war auch Maler, Grafiker und Dichter – im KZ ermordet.

Es gibt sehr wenige Dokumente über Otto Kneip. Sie seien teilweise von den Nazis bewusst vernichtet worden, vermutet Freya Blumenstein. Die 18-Jährige, die gerade am Friedrichsgymnasium ihr Abitur abgelegt hat, hat sich dennoch daran gemacht, Kneips Leben zu erforschen und zu dokumentieren. Für das Ergebnis, eine Videoarbeit mit gesprochenen Texten ist sie jetzt als Landessiegerin im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten ausgezeichnet worden.

Gründliche Recherchen hat Freya unternommen und Gespräche geführt, unter anderem mit dem ehemaligen Leiter des Stadtmuseums, Karl-Hermann Wegner, der den Text „Meine Olympia“ zur Verfügung gestellt hatte und der Kneips Tochter, die als Kind versteckt die Nazizeit überlebte, persönlich kannte.

Freya Blumenstein, FG-Schülerin, errang den hessischen Landessieg beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten.

Freya Blumenstein erarbeitete ein ebenso beeindruckendes wie erschütterndes Porträt von Kneip. In der Jury-Bewertung heißt es, sie habe in eigenständigem und strukturiertem historischen Denken und Arbeiten eine hohe Kenntnis im kritischen Umgang mit der Auswertung unterschiedlicher historischer Quellengattungen unter Beweis gestellt.

Der 1892 in Bad Kreuznach geborene Otto Kneip war zum Studieren nach Kassel gekommen. Hier besuchte er von 1912 bis 1914 die Werk- und Kunstakademie. Unterbrochen vom Ersten Weltkrieg, an dem er hochdekoriert teilgenommen hatte, setzte Kneip bis 1921 das Studium an der Kunstgewerbeschule Kassel fort. Dort lernte er seine spätere Frau kennen.

Grimmhaus in der Marktgasse: Gemälde von Otto Kneip im Besitz des Stadtmuseums.

1921 begann er als Sport- und Kunstlehrer am Friedrichsgymnasium und war später Studienrat. Im Jahr 1914 war Kneip vom Judentum zum Christentum konvertiert. In der Brüderkirche hatte er sich taufen lassen. Was an Kneip beeindruckt, ist sein vielfältiges Talent, seine große Vitalität. Er praktizierte mehrere Sportarten neben dem Turnen, das er als Leistungssport ausübte: Fußball, Eislauf, Hockey. Vor allem sein Engagement als Rettungsschwimmer in der DLRG war herausragend. Doch Kneip war im gleichen Maße Künstler. Das Kasseler Stadtmuseum erwarb 2004 Gemälde von Kneips Nachfahren. Zudem war Kneip gestalterisch unterwegs, indem er Postkarten, Logos und mehr entwarf, beispielsweise 1917 eine Postkarte für den Kasseler Fußballverein.

Vielfältig talentiert: Sport und Kunst sind auf dieser Postkarte, die Otto Kneip 1913 gestaltet hat, verbunden.

Er war Werbeleiter für die DLRG Rheinland, verfasste Broschüren, organisierte Veranstaltungen und beaufsichtigte am Rhein Wachtürme der DLRG. 1930 organisierte und strukturierte er die DLRG neu und sorgte durch Flyer und Werbetafeln für einen Anstieg der Mitgliederzahlen.

Doch die Nazis zerstörten sein Leben wie das von Millionen anderen Menschen jüdischer Abstammung: Am 8. Oktober 1941 starb Kneip im KZ Groß-Rosen. Vorher war er im Gefängnis Düsseldorf und im KZ Sachsenhausen interniert.

„Otto Kneip lässt mich nicht mehr los“, sagt Freya Blumenstein. Obwohl sie sich demnächst in Hamburg ihrem Jura-Studium widmen wird, will sie weiterforschen und das Andenken an Kneip wach halten. Gerade ist sie dabei, einen Stolperstein für Otto Kneip auf den Weg zu bringen.

Mit ihrem Geschichtslehrer René Malm, der sie im Wettbewerb begleitet hatte, steht sie weiter in Kontakt. „Vielleicht könnte am FG ja ein Otto-Kneip-Preis installiert werden“, wünscht sich Freya Blumenstein. Das Spektrum Kneips würde einen Preis inspirieren, dem Schüler unterschiedlichster Talente entsprechen können.

Im Schularchiv auf Otto Kneip aufmerksam geworden

Freya Blumenstein, FG-Schülerin aus Grebenstein, ist im Schularchiv des FG auf Otto Kneip aufmerksam geworden. Dort befindet sich ein Ordner, den Karl-Hermann Wegner als ehemaliger Leiter des Stadtmuseums angefertigt hatte, mit sämtlichen Gedichten und Prosatexten Kneips sowie Fotos. Das Material stammt von Kneips Tochter Gudrun Friemel. Blumenstein: „Ich habe diesen Ordner gefunden und seine Bedeutung erkannt.“

Der Geschichtswettbewerb stand unter dem Motto „Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft“. Mit dem Landessieg hat sich Freya für den Bundeswettbewerb qualifiziert. Zur Zeugnisübergabe ist sie außerdem mit dem Viktor-Ehrenberg-Preis der Kasseler Freunde der Antike sowie mit dem Preis des Deutschen Altphilologenverbands für Leistungen in altgriechischer Sprache und Kultur ausgezeichnet worden. (Christina Hein)

Infos unter: koerber-stiftung.de/geschichtswettbewerb

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