1. Startseite
  2. Kassel

Vorausschauend gegen Hitzestau: Nordhessische Städte bekämpfen den Klimawandel

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jan Trieselmann

Kommentare

Stau auf der Frankfurter Straße
Zum Beispiel in der Frankfurter Straße in Kassel sollen 400 Bäume gepflanzt werden. So will die Stadt Überhitzung als Folge des Klimawandels entgegenwirken. © Andreas Fischer/Archiv

Das Wetter ist ein Dauerbrenner-Thema. In unserer Serie „Donnerwetter“ betrachten wir das nordhessische Wetter von verschiedenen Seiten. Diesmal geht‘s um den Klimawandel in Nordhessen.

Kassel/Bad Hersfeld/Baunatal/Korbach – Die Folgen des Klimawandels machen sich immer mehr bemerkbar – auch in Deutschland. So bringen Forscher Extremwetter wie die Überschwemmungen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz Mitte Juli mit ihm in Verbindung, wie beispielsweise der Spiegel oder Bayrische Rundfunk im Juli berichteten.

In Städten verdeutlichen sich die Folgen des Klimawandels dadurch, dass sich die Temperaturen aufgrund dichter Bebauung noch mehr erhöhen, wie das Umweltbundesamt auf seiner Webseite mitteilt. Um dem Klimawandel entgegenzuwirken, stehen bei den nach Einwohnern größten nordhessischen Städten Kassel, Bad Hersfeld, Baunatal und Korbach ähnliche Themen im Fokus.

Weniger Wärmeinseln: „Die dichte städtische Bebauung verursacht an vielen Stellen in der Stadt ausgeprägte Wärmeinseln“, sagt Michael Schwab von der Stadt Kassel. Dabei handelt es sich um Gebiete in einer Stadt, die besonders warm sind, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) auf seiner Webseite erklärt. In Kassel gibt es die vor allem in der Innenstadt, nördlich des Stadtteils Rothenditmold und in Teilen der Südstadt.

Um Wärmeinseln vorzubeugen, gibt es viele Möglichkeiten. Laut Schwab will Kassel den Anteil unbebauter städtischer Flächen erhöhen, beispielsweise durch Entsiegelung. Projekte dafür laufen in Bettenhausen sowie der Unterneustadt. Darüber hinaus sollten hellere Verkehrsflächen weniger Wärme leiten und speichern. Das ist auch in Bad Hersfeld ein Grund dafür, unbefestigte, Licht weniger stark reflektierende und wasserdurchlässige Flächen sowie verschattende Grünanlagen in Planungen zu beachten, sagt Bürgermeister-Referent Meik Ebert.

Grafik Extremwetter in Nordhessen
Grafik Extremwetter in Nordhessen © HNA

Begrünung und Wiesen: Grünanlagen stellen die gängigste Methode unter den befragten Städten dar. In Baunatal sei bei Carports und Garagen die dem öffentlichen Raum zugewandte Seite zu mindestens 70 Prozent der Fläche zu begrünen, erklärt Sprecherin Susanne Bräutigam. Auch lege man Blühwiesen an. Kassel begrünt beispielsweise Dächer und Fassaden. „So sind in der Marbachshöhe oder in der Unterneustadt Dachbegrünungen für geeignete Flächen festgesetzt“, sagt Michael Schwab. In der Frankfurter Straße will man 400 Bäume pflanzen.

Die Stadtentwicklung in Bad Hersfeld widmet sich der Begrünung im innenstadtnahen Schilde-Park und durch „mobile Baum- und Pflanzkübel“, sagt Meik Ebert. Ein Überhitzungsproblem habe man bislang aber nicht. „Die Stadt profitiert generell von ihrer eher ländlich geprägten Lage mit einem sehr hohen Grünflächenanteil von über 40 Prozent“, sagt Ebert. Gleiches gilt für Korbach wegen seiner „überschaubaren Größe und des sehr hohen Anteils an Einfamilienhäusern mit entsprechend großen Gärten“, sagt Ralf Buchloh von der Stadt. Trotzdem habe man in den vergangenen Jahren Streuobstwiesen, Obstbaureihen sowie städtische Naturschutzflächen angelegt.

Wasserverbrauch: Damit die Grünflächen und Wiesen bestehen bleiben, müssen die Städte sie wässern. Kassel nutzt dafür Trink-, aufbereitetes Brauchwasser und Wasser aus Fließgewässern.

Um Trinkwasser zu sparen, baut man in Kassel aber laut Schwab Zisternen, die Oberflächen- und Regenwasser speichern, sowie Systeme, die versickerndes Wasser aufnehmen. Zisternen verwendet auch Baunatal: 70 Prozent des Bewässerungswassers bezieht man laut Susanne Bräutigam daraus – den Rest aus dem Wassernetz.

Bad Hersfeld kann öffentliche Grünflächen hingegen nur mit Trinkwasser bewässern. Die Stadt habe keine Zisternen und andere Speicheranlagen, wie Meik Ebert sagt. Sparsam sei man daher bei „ökologisch nicht übermäßig wertvollen Flächen“ wie Rasen und Gehölzen.

Luftleitbahnen: Ein Grund dafür, dass Bad Hersfeld kein Überhitzungsproblem habe, sei die Luftzirkulation in der Stadt. „Die Kernstadt hat aufgrund der Tallage mit Durchfluss der Geis und angrenzendem Fulda- und Haunetal insbesondere in den Morgen- und Abendstunden relativ gute Flurwinde und Kaltluftdurchzug“, sagt Ebert. Die entstehen durch einen Temperaturunterschied zwischen Stadt und Umland, wie im Internet auf wetter.net zu lesen ist.

Die Stadt Korbach habe feste Baugrenzen festgelegt, um durch eine „offene Bebauung“ Luftschneisen in der Stadt zu erhalten, sagt Ralf Buchloh. Kassel nutzt Kalt-Luftleitbahnen dazu, Wärmeinseln mit frischer Luft zu durchziehen.

Fazit: Aktuell macht sich Überhitzung in Nordhessen vor allem in größeren Städten wie Kassel bemerkbar. Möglichkeiten, die Wärme und den Klimawandel zu bekämpfen, gibt es viele. Das betonen die befragten Städte. Ob langfristig ausreicht, was sie dagegen unternehmen, ist eine andere Frage.

Vor allem die Politik muss mit den Städten an Lösungen arbeiten und mehr Anreize für Klimaschutz-Maßnahmen schaffen – denn die sind für Städte in erster Linie mit einem verbunden: Kosten. In gleichem Maße ist aber auch das Engagement der Bevölkerung gefragt.

Extremwetter wie Überschwemmungen durch Starkregen können überall auftreten. Davor warnte auch Tobias Fuchs vom Deutschen Wetterdienst auf einer Pressekonferenz zum Thema Starkregen in Städten Ende August.
Ob genug gegen den Klimawandel unternommen wird, wird daher auch das Wetter in den kommenden Jahren zeigen – zum Beispiel durch die Menge von Extremwetter-Ereignissen.

Starkregen in Städten besonders gefährlich

Starkregen zeichnet sich laut Webseite des Deutschen Wetterdienst (DWD) durch eine hohe Niederschlagsmenge vor allem innerhalb von kurzer Zeit aus. Landregen hingegen sei dauerhaft auftretender Regen. „Die möglichen Folgen von Starkregen sind deutlich gefährlicher“, sagt Sprecher Uwe Kirsche.

Um Starkregen zu kategorisieren, ist er vom DWD in drei Stufen unterteilt: Markante Wetterwarnungen, Unwetterwarnungen und extremes Unwetter. Von Letzterem spricht der DWD bei Regenmengen von mehr als 40 Litern pro Quadratmeter innerhalb von einer Stunde oder mehr als 60 Litern in sechs Stunden.

„Starkregen kann jeden treffen“, sagte Tobias Fuchs vom Deutschen Wetterdienst auf einer Pressekonferenz zum Thema Starkregen in der Stadt Ende August. Besonders hoch sei das Risiko für extreme Niederschläge dort, wo die Luft sehr warm ist. Das betrifft damit auch die Städte, in denen sich Hitze staut.

Da viele Flächen versiegelt seien, könne das Wasser nahezu unkontrolliert fließen, erklärte Fuchs. Wegen einer höheren Bevölkerungsdichte seien gleichzeitig mehr Menschen auf engerem Raum dadurch gefährdet.

In der fünften und letzten Folge unserer Serie beschreiben wir, was das nordhessische Wetter auszeichnet. Alle Folgen in der Übersicht:

Unser Autor

Jan Trieselmann (23) wurde 1998 im nordhessischen Helmarshausen geboren und lebt seitdem im Landkreis Kassel. Wetterbeobachtung gehört neben Motorsport und Kochen zu seinen vielen Interessen. Seit 2020 ist er Volontär bei unserer Zeitung.

Auch interessant

Kommentare