Wann ist ein Mann ein Mann?

Vordenker der Männerbewegung in Kassel: „Gibt keine Messlatte für Männlichkeit“

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Fürsorglich und erfolgreich: Markus Theunert sprach in Kassel über die schwierige Aufgabe für Männer, die Anforderungen an ihr Geschlecht zu erfüllen. Viele Männer würden dadurch überfordert.

Kassel. Mit Markus Theunert war am Wochenende einer der Vordenker der politischen Männerbewegung zu Gast in Kassel. Wir sprachen mit ihm über die Schwierigkeit, ein "echter Mann" zu sein.

Der Schweizer, der einst als erster staatlicher Männerbeauftragte im deutschen Raum für Schlagzeilen sorgte, sprach beim Kongress „Einfach Mann?“ im Haus der Kirche über traditionelle Rollenbilder und wie diese Männern schaden.

Herr Theunert, um es mit Herbert Grönemeyer zu fragen: Wann ist ein Mann ein Mann?

Markus Theunert: Die einfachste Antwort wäre, wenn er die männlichen Geschlechtsmerkmale erfüllt. Doch gemeint sind natürlich die Männlichkeitsnormen. Jungs weinen nicht und so weiter. Ich halte diese Anforderungen an den Mann für unerfüllbar. Deshalb ist die Frage, wann ein Mann ein Mann ist, schon das Problem. Denn sie tut so als ob es eine Messlatte für echte Männlichkeit gäbe.

Das heißt, den Mann gibt es gar nicht?

Theunert: Nur als gesellschaftliches Konstrukt. Und dies ist übrigens nicht älter als 200 Jahre. Die Rollenverteilung der Geschlechter ist ein Erbe der industriellen Revolution. Heute haben wir die Vorstellung: Schon seit der Steinzeit sei der Mann auf die Jagd gegangen und die Frau habe den Bison gekocht. Doch das stimmt nicht. Ein Beispiel: Im Mittelalter war es üblich, dass auch Männer bunte Kleidung tragen. Erst die industrielle Revolution sah für den Mann den schwarzen, unauffälligen Anzug vor.

Warum sollten wir dieses Männerbild überwinden?

Theunert: Weil es lebensfeindlich ist. Traditionelle Männlichkeit ist ungesund. Männer pflegen einen riskanten Lebensstil: Sie führen so ziemlich alle Statistiken selbstgefährdenden Verhaltens an. Egal ob es um Drogenkonsum, Gewaltdelikte, Autounfälle, Suizide oder Burn-out geht. Die längere Lebenserwartung der Frauen ist nicht etwa genetisch bedingt. Vor 100 Jahren wurden Männer und Frauen noch etwa gleich alt. Heute verbrauchen Männer oft mehr Energie als nachwächst. Da ist der Herzinfarkt programmiert.

Warum versuchen Männer, diese Männlichkeitsklischees zu erfüllen?

Theunert: Frauen spielen dabei zwar auch eine Rolle, aber entscheidender sind die anderen Männer. Ihnen gegenüber versuchen Männer ihre männliche Identität zu bestätigen, also jeden Eindruck zu vermeiden, unmännlich zu sein.

Sind die Rollenbilder nicht bereits im Wandel? Immer mehr junge Männer versuchen doch, Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen.

Theunert: Ja, es verändert sich viel. Das ist aber kein echter Wandel, sondern nur eine Erweiterung der Männlichkeitsrolle. Nun müssen Männer auch einfühlsamer Partner und fürsorglicher Vater sein. Gleichzeitig werden sie auf der Gegenseite aber nichts los. Sie sichern das Einkommen, sind die breite Schulter in der Brandung und sollen Karriere machen. Karriere und gleichberechtigte Kinderbetreuung sind aber unvereinbar. Wer nach Hilfe ruft, gilt als überfordert. Deshalb versuchen Männer so zu tun, als hätten sie alles im Griff.

Sie fordern die doppelte Emanzipation des Mannes. Was meinen Sie damit?

Theunert:Männer sollten sich von den eigenen Männlichkeitsanforderungen befreien und von jenen, die von außen an sie herangetragen werden. Wir sind also Opfer einer strukturellen Gewalt, an der wir gleichzeitig beteiligt sind. Zur Emanzipation gehört es auch, dass sich Männer in den ganzen Bereich der unbezahlten Arbeit viel stärker einbringen. Es ist nicht naturgegeben, dass die Pflege von Angehörigen und das Kümmern um Kinder Frauensache ist.

Sie werden sowohl von Feministinnen wie Antifeministen angegriffen. Wie gehen Sie damit um?

Theunert: Ein Bekannter hat mal gesagt: So lange der Gegenwind bläst, stehst du vorne. Bei jungen Feministinnen gelten progressive Männer als Verbündete. Die ältere Generation hat oft noch Probleme, anzuerkennen, dass auch Männer unter dem patriarchalen System leiden. Die Argumentation der sogenannten Maskulisten, die die Männer als alleinige Opfer sehen und dem Feminismus die Schuld geben, greift aber auch zu kurz. Die Debatte: Welches Geschlecht trifft es härter, halte ich nicht für hilfreich. Wir alle leiden im patriarchalen System.

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