Egor Dudenko ist Barkeeper, seitdem er 15 ist

Er weiß, mit wem Gäste eine Affäre haben: Die Geheimnisse eines Barkeepers

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Seit zwölf Jahren hinter der Theke: Egor Dudenko achtet bei seinen Drinks auf jedes Detail und mag es mit den Gästen ins Gespräch zu kommen.

Kassel. Eigentlich wollte Egor Dudenko Lehrer werden, nun ist er der vielleicht bekannteste Barkeeper Kassels. Uns hat er erzählt, was einen guten Cocktail ausmacht - und einige Geheimnisse verraten.

In der Bar Seibert an der Friedrich-Ebert-Straße laufen die Vorbereitungen fürs Wochenende auf Hochtouren. Vor allem die Grapefruit-, Orangen- und Zitronensäfte müssen literweise gepresst werden. Ein älterer Herr setzt sich an die Theke und bestellt bei Barkeeper Egor Dudenko einen Campari Orangensaft. Dudenko bereitet den Drink mit dem frisch gepressten Orangensaft zu und serviert ihn mit einer Orangenscheibe und einer Orangenzeste. Er füllt den Cocktail in ein gefrostetes Glas mit Eiswürfeln.

Wie alles anfing

Dudenko steht seit seinem 15. Lebensjahr hinter der Theke. Während der Schulzeit hat er sich so an den Wochenenden etwas dazuverdient. Unter anderem, um seine Tennisausrüstung zu finanzieren. „Beim Tennis waren viele Kinder von Ärzten und Professoren“, sagt er. „Meine Mutter war Köchin, sie konnte halt nicht so viel dazugeben, aber von ihr habe ich meine erste Ausrüstung bekommen, für den Rest musste ich selbst aufkommen.“

In der Zeitung habe er eine Stellenanzeige gefunden. Freitags und samstags arbeitete er im Salsa-Club Barranquilla als Cocktailbarkeeper. Für ihn war es zuerst nur ein Nebenjob. Nach seinem Abitur schrieb er sich an verschiedenen Unis für ein Lehramtstudium ein. Vorlesungen besuchte er jedoch nie. Auf einer Barkeepermesse gab ihm ein erfahrener Gastronom einen Rat mit auf den Weg. „Er sagte zu mir: Wieso willst du fünf bis sechs Jahre verschwenden, um etwas anderes zu lernen, wenn du doch schon sechs Jahre Erfahrung in diesem Bereich hast? Konzentriere dich auf einen Bereich, aber dann richtig und umfangreich.“

Die Entscheidung für den Beruf 

Dudenko befolgte den Rat. Er arbeitete weiterhin als Barkeeper, jobbte parallel im Barranquilla und in der Bar Marth, die inzwischen beide geschlossen sind. Seit zwölf Jahren ist das Cocktailmixen sein Beruf.

Was ihm besonders an seiner Arbeit gefällt? Jeder Tag und jeder Gast sei anders. Dudenko: „Man weiß eigentlich nie so richtig, was auf einen zukommt. An einem Tag kommt ein Gast gut gelaunt rein, am nächsten Tag kommt derselbe Gast schlecht gelaunt rein.“ 

Man müsse den Menschen dann ein bisschen lesen, verstehen können und sich überlegen, wie man ihm etwas Gutes tun könne. Meistens biete er den Gästen irgendeinen Cocktail an, um ihr Interesse zu wecken. „Man erklärt dann ein zwei Sätze über den Drink.“ 

So baue man zu den Gästen einen Bezug auf. Mit vielen sei er tatsächlich auch privat befreundet, sagt der 27-jährige. „Zu den meisten kann man ganz leicht Freundschaften aufbauen, wenn man das möchte. Zwei sehr gute Freundschaften sind jedenfalls entstanden.“

Was er in seinem Job als Barkeeper erlebt

Hinter der Theke bekommt man als Barkeeper viel mit. Dudenko hat schon alles Mögliche erlebt. Beginnend bei Gästen, die versucht haben, die Zeche zu prellen und Jugendlichen, die etwas gestohlen hatten und denen er hinterherrennen musste. Es habe auch in Kassel namhafte Leute gegeben, die an einem Abend mit ihrer Frau an seinem Tresen saßen und zwei Tage später mit der Geliebten. „Die gehen mit dem Gefühl hier rein, dass ich Bescheid weiß, aber sie wissen, dass ich dazu nichts sage.“

Es gäbe auch viele Schlägereien und panische Anrufe von Kunden, die ihre Geldbörse oder das Handy liegen gelassen haben. Oft seien die Dinge aber nicht verloren gegangen. Auch käme es vor, dass einige Gäste allein an der Bar sitzen und ständig etwas vor sich hin murmeln. „Da merkt man schon, wenn die reinkommen, dass mit denen etwas nicht stimmt.“ Aber auch mit ihnen käme man ins Gespräch.

Wenn Dudenko in der Stadt unterwegs ist, erkennen die Gäste ihn oft wieder. „Die Leute grüßen einen dann oft, aber man kann einfach nicht jeden wiedererkennen“, sagt Dudenko. Er grüße natürlich zurück, frage sich dann aber im Nachhinein oft, wer die Person war. Gäste, für die man sich Zeit nehme und für die man etwas Bestimmtes gemacht habe, blieben einem eher im Kopf.

Das Geheimnis eines guten Cocktails

Der ältere Herr mit dem Campari Orangensaft nimmt seinen Mantel und geht nach Hause. „Als er bezahlt hat, sagte er zu mir: Das war toll“, sagt Dudenko.

Das Geheimnis eines guten Cocktails? „Auf die Harmonie der Geschmäcker kommt es an, ein Cocktail muss rund sein.“

Zur Person: Egor Dudenko

Egor Dudenko wurde 1991 in Omsk, Sibirien, geboren. 2012 hat er sein Abitur an der Elisabeth-Knipping-Schule gemacht. Während und nach seiner Schulzeit hat er von 2006 bis 2014 parallel in den Kasseler Bars Barranquilla und Marth gejobbt. 2014 bis 2016 arbeitete er als Angestellter im Eigenart, bis er 2016 in der Bar Seibert anfing. Dort arbeitet er bis heute.

Cocktail-Rezept: Old Fahioned

Zutaten: 

• 6cl Bourbon Whiskey 

• 1 Zuckerwürfel 

• 1 Schuss Angostura Bitter (Barkeepergewürz) 

• 1 Orangenzeste zur Dekoration 

• Eiswürfel 

Zubereitung: 

Der Old Fashioned ist ein Cocktail mit Bourbon Whiskey, ein wenig Zucker, auf Eis gerührt. Serviert in einem gefrosteten Tumblerglas mit einem großen, schönen Eiswürfel und einem Schuss Angostura angeträufelt. Zur Abrundung eine Orangenzeste abschälen, andrücken und ins Glas geben.

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