An der Goethestraße im Vorderen Westen Kassels

Mieter der Deutschen Annington: Ärmere sollen aus Wohnungen gedrängt werden

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Kämpfen gegen rasante Mieterhöhung: Franziska Kais und ihr Nachbar Dirk Volkwein-Groh haben eine Interessengemeinschaft gegründet.

Kassel. Eigentlich würden sich die meisten Mieter freuen, wenn an ihre Wohnung ein Balkon angebaut wird. Nicht so Dirk Volkwein-Groh, der in einer Wohnung an der Goethestraße (Vorderer Westen) lebt.

Dort will die Deutsche Annington, Eigentümerin mehrerer Mehrfamilienhäuser, demnächst neue Fenster einbauen, Fassaden, Decken und Dachboden dämmen sowie Balkone anbauen.

Knapp 300 Euro Erhöhung

In einem Schreiben wurden die Mieter der Goethestraße 78 bis 82 im April dieses Jahres über das Vorhaben informiert. Volkwein-Groh wurde ebenfalls mitgeteilt, dass er nach der Sanierung mit einer Mieterhöhung von rund 280 Euro (Kaltmiete) rechnen müsse. Aufgrund der Wärmedämmung würden die Nebenkosten in nicht genannter Höhe sinken. Derzeit zahlt der Mieter, dessen Eltern schon in der ehemaligen Eisenbahner-Wohnung lebten, für 92 Quadratmeter 391 Euro Kaltmiete.

Volkwein-Groh weiß, dass das für die gute Lage der Wohnung verhältnismäßig günstig ist. Er und seine Frau könnten sich die angekündigte Mieterhöhung auch leisten. Allerdings könnten das viele ältere Mieter, die zum Teil schon über 40 Jahre an der Goethestraße lebten, nicht. Deshalb hat Volkwein-Groh eine Interessengemeinschaft ins Leben gerufen, der 14 Mietparteien angehören.

So auch Franziska Kais, die in der 78 a wohnt. „Ich bin berufstätig, ich kann das stemmen“, sagt die junge Frau. „Ich habe aber das Gefühl, dass ältere Mieter durch die Sanierung verdrängt werden sollen.“ Sie nennt ein Beispiel: Nachdem eine Mietpartei aus einer 96-Quadratmeter-Wohnung ausgezogen sei, habe die Deutsche Annington die Kaltmiete von 450 auf 850 Euro erhöht. „Mieterhöhung und Sanierung stehen in keinem Verhältnis“, sagt Kais.

Sie und ihr Nachbar Volkwein-Groh sind sich einig, dass die Häuser (Fenster und Dächer sind marode) saniert werden müssen. Der Annington, die die Anlagen 2001 von der Bundesbahn-Wohnungsbaugesellschaft Kassel (BWG) übernahm, werfen sie vor, dass lange gar nichts passiert sei. Um die Mieterhöhung im Rahmen zu halten, hat die Interessengemeinschaft nun vorgeschlagen, auf den Anbau von Balkonen zu verzichten.

Die Deutsche Annington verweist darauf, dass die aktuelle Durchschnittsmiete in der Goethestraße bei 4,51 Euro pro Quadratmeter, im Einzelfall sogar unter 4 Euro pro Quadratmeter liege. „An einem Mieterwechsel haben wir unter keinem Gesichtspunkt ein Interesse.“

„Bezahlbarer Wohnraum“

„Die Kosten der Instandhaltung werden selbstverständlich nicht auf die Miete umgelegt, sondern vom finanziellen Gesamtaufwand abgezogen“, sagt Pressesprecher Philipp Schmitz-Waters. Zur Unternehmensstrategie gehöre es, bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Umgelegt auf die Mieter werde nur der reine Modernisierungsaufwand nach Abzug der Instandhaltungskosten. „Um unsere Kunden finanziell nicht zu überfordern, verzichten wir in vielen Fällen bewusst darauf, das gesetzliche Maximum von elf Prozent auszuschöpfen.“

In Kürze werde man auf die Mieter der Goethestraße zugehen, um eine einvernehmliche Lösung sicherzustellen. Der Baubeginn ist bereits für 7. Juli geplant, sagt Schmitz-Waters.

Das sagt der Mieterbund

Die Deutsche Annington sei dafür bekannt, dass sie „tendenziell nicht immer mieterfreundliche Entscheidungen“ treffe, sagt Dr. Esther Tiedtke, Geschäftsführerin des Mieterbundes Nordhessen. Es komme häufiger vor, dass Mieter bei einer energetischen Sanierung von Häusern draufzahlten.

Die Instandhaltungskosten, die der Vermieter zu tragen habe, würden bei solchen Sanierungen oft zu niedrig angesetzt und somit auf die Mieter abgewälzt. Tiedtke rät den betroffenen Bewohnern, sich vom Mieterbund beraten zu lassen.

Zudem verweist sie auf die Härtefallregelungen. Demnach sei eine Mieterhöhung unzumutbar, wenn der Mieter dadurch aus seiner Wohnung verdrängt würde. Der Gesetzgeber wolle mit der Regelung verhindern, dass Mieter „herausmodernisiert“ werden.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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