Pachtvertrag schon seit längerem ausgelaufen

Ende des Jahres ist Schluss in Kasseler Pizzeria Boccaccio

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Keine Vertragsverlängerung mehr: Die Boccaccio-Betreiber Lucia Carrozzo, Vicenzo La Rocca und Salvatore La Rocca.

Kassel. Für eine gastronomische Institution im Vorderen Westen sind die Tage gezählt: Das Restaurant Boccaccio an der Ecke Goethestraße und Querallee wird nach über 40 Jahren zum Ende dieses Jahres schließen.

Das bestätigte Mitinhaber Salvatore La Rocca auf Anfrage der HNA.

Schon seit einiger Zeit gab es im Kassels Kneipenszene Spekulationen über eine Schließung des beliebten Italieners, der einem klassenlosen Publikum aller Altersgruppen und Lebensstile als eine Art zweites Wohnzimmer dient. Der langfristige Pachtvertrag für das Lokal war laut La Rocca eigentlich schon 2016 ausgelaufen und seither informell fortgesetzt worden. Er hätte gern noch etwas länger weitergemacht, sagt der Gastronom. Doch nach einigen Gesprächen mit dem Hauseigentümer stehe nun seit ein paar Wochen fest, dass dieser andere Pläne mit den Räumlichkeiten verwirklichen wolle. Daher ende das Pachtverhältnis nun endgültig zum 31. Dezember 2017.

Boccaccio in Kassel: Eine Geschichte in Bildern

Das Gebäude des Boccaccios Anfang des 20. Jahrhunderts. 
Das Gebäude Anfang des 20. Jahrhunderts: Damals hieß die Goethestraße noch Kaiserstraße und das Hotel dementsprechend Kaisereck.   © Archiv
Collage des "Haus Tegernsee" aus den 50er-Jahren. 
Eine Collage aus den 50er-Jahren: Damals hieß die Gaststätte "Haus Tegernsee". Später zog dier Konditorei Lukullus ein, danach die legendäre "Zwylle".  © Repro: Ludwig
HNA-Bericht zum Umbau des Boccaccio 1997.
Das Boccaccio umgebaut: 1997 stellen Vincenzo La Rocca (von links), Salvatore Perrone, Salvatore La Rocca, Hütt-Chef Frank Bettenhäuser und Architekt Wolfgang Schneider das neu eingerichtete Boccaccio vor.  © HNA/Archiv/Rosenthal
Spende am Klavier: Salvatore La Rocca im Jahr 2003.
Sammeln für die HNA-Aktion-Advent: Salvatore La Rocca im Jahr 2003 mit der Spendendose.  © Archiv
Kreative Deko: Mit großen Gabeln und Löffeln zog das Boccaccio 2005 die Blicke auf seine Fenster. 
Kreative Deko: Mit großen Gabeln und Löffeln zog das Boccaccio 2005 die Blicke auf seine Fenster.  © Archiv
Guiseppe Carrozzo, Armando Russo und Salvatore La Rocca (von links) können das nur schwer nachvollziehen. Das Boccaccio muss nun eine andere Lösung finden.
Streit um den Raucherraum: 2008 erließ das Ordnungsamt ein Verfahren gegen das Boccaccio, weil es den Thekenraum zu einem Raucherraum gemacht hat.  © Archiv
Mit zwei Pizzen: Betreiber Vincenzo La Rocca im Jahr 2009. 
Mit zwei Pizzen: Betreiber Vincenzo La Rocca im Jahr 2009.  © Archiv
Baugerüst von außen: So sah der Eckturm des Boccaccio im Februar 2012 aus. 
Baugerüst von außen: So sah der Eckturm des Boccaccio im Februar 2012 aus.  © Archiv
Das Boccaccio an der Goethestraße von außen in 2017. 
Das Boccaccio an der Goethestraße von außen in 2017.  © Archiv
Ein halbes Jahr vor dem Schluss: die Inhaber Lucia Carrozzo, Vicenzo La Rocca und Salvatore La Rocca.
Ein halbes Jahr vor dem Schluss: die Inhaber Lucia Carrozzo, Vicenzo La Rocca und Salvatore La Rocca. © Schwarz

Gastronomische Zukunft des Boccaccio noch offen

Eigentümer Gabriel H. Duru war am Montag nicht für Nachfragen zu erreichen, ob der beliebte Szenetreff eine gastronomische Zukunft haben wird und mit welchem Konzept. Der Immobilien-Unternehmer hat den prächtigen Altbau 2011 erworben und seither aufwendig saniert.

Durch alle Bauarbeiten hindurch, auch während der langwierigen Neugestaltung der Goethestraße zum Boulevard, seien die zahlreichen Stammgäste ihrem Boccaccio stets treu geblieben. „Dafür sind wir sehr dankbar“, sagt Salvatore La Rocca: „Die Leute hängen an diesem Lokal. Manche kommen schon seit Jahrzehnten zu uns.“

Markante Ecke im Westen: Das Haus Goethestraße 32 wurde seit 2011 saniert.

Und viele Gäste in jenen Jahrzehnten trugen bekannte Namen. Jan Hoet etwa, der Leiter der 9. documenta 1992, „war fast jeden Abend da“, erinnert sich La Rocca. Auch dem grünen Außenminister Joschka Fischer habe es im Boccaccio gefallen: „Der hatte das Rinderfilet bestellt.“

Im engeren Gästekreis hat La Rocca schon bekannt gegeben, dass zum Jahresende Schluss sein wird. Der 65-Jährige wird dann nach eigenen Angaben in Rente gehen. Sein fünf Jahre jüngerer Bruder Vincenzo La Rocca sowie Lucia Carrozzo, die dritte Mitinhaberin, würden aber weiter gastronomisch tätig blieben.

Geschichte des Boccaccio

Als im terrassenseitigen Gastraum des Hauses noch die legendäre Livemusik-Kneipe „Zwylle“ ansässig war, hatte Salvatore La Rocca seinerseits zu den Stammgästen gehört und ab den späten 1970er-Jahren auch dort gearbeitet. Zusammen mit Salvatore Perrone, der 2014 gestorben ist, und Luigi Gauditi übernahm er dann den Gastro-Betrieb.

So war es früher: Ab den 1950er-Jahren war das Lokal „Haus Tegernsee“ in dem imposanten Eckhaus ansässig. Später folgten die Konditorei Lukullus und die legendäre Kneipe „Zwylle“.

Das ursprüngliche Boccacio war ein recht kleines Restaurant in den Räumen rechts vom Eingangsflur. Bei einer umfassenden Neugestaltung vor 20 Jahren wurden die Gasträume dann vereinheitlicht und der Name „Zwylle“ wurde Kasseler Kneipengeschichte.

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