Deutschlands größte Manga- und Anime-Messe

Wie die Connichi den Vorderen Westen in Kassel verwandelt

+
Warten gemeinsam auf die Tram: Kostümierte Besucher der Connichi, sogenannte Cosplayer, und zwei Kasseler (erster und dritter sitzend von rechts) begegnen sich an der Haltestelle Kongress Palais.

Kassel. Einmal im Jahr wird Kassels Vorderer Westen zur Heimat von tausenden Cosplayern, die als Elfen, Hexen und Superhelden verkleidet zur Connichi in die Stadthalle strömen. 

Alles zur Connichi in Kassel

Wir haben Szenen dieses harmonischen Kulturclashs beobachtet:

Entlang der Fensterfront im Café am Bebelplatz stehen drei Tische. Zwischen einer vierköpfigen Familie und einer Gruppe Senioren sitzen eine Elfe mit roter Perücke, ein Ritter in einer schwarzen Pappmaschee-Rüstung und die Comic-Heldin Wonder Woman. Sie trinken Kaffee und essen Obsttorte.

Mit geschlossenen Augen ließe sich diese Szene nicht von einem gewöhnlichen Samstagmorgen unterscheiden. Doch während der Connichi, Deutschlands größter Messe für japanische Comic-Kultur, ist im Vorderen Westen nichts gewöhnlich.

Connichi 2017: Fotos vom zweiten Tag

Connichi 2017: Fotos vom ersten Tag

Vor der Kirche

Eine Frau im weißen Brautkleid posiert vor der Kirche St. Maria für eine Gruppe Hobbyfotografen. Sie ist jedoch keine normale Braut. Unter ihrem Schleier blitzen blutrote Kontaktlinsen hervor. Ihr Plastikgebiss ist mit Fangzähnen bestückt.

Der dazugehörige Bräutigam trägt von oben bis unten schwarzen Cord und auf dem Kopf einen Zylinder. Sein Gesicht ist bleich, die Augen hat er mit weißen Kontaktlinsen verfremdet. Er erinnert an einen Gesellen auf Wanderschaft – nur eben als Geist. „Steampunk“, klärt er einen der Hobbyfotografen auf. So ließe sich der retro-futuristische Kleidungsstil am ehesten beschreiben.

An der Haltestelle

An der Tram-Haltestelle Kongress Palais steht ein Ork. Ein älterer Mann, der neben ihm sitzt, mustert ihn. Zu dem Ork gesellt sich ein Einhorn. „Weißt du, wie spät es ist?“, fragt das Einhorn den Ork. Der Ork trägt keine Uhr. „Halb zwölf“, hilft der Mann aus. „Dankeschön“, grinsen Einhorn und Ork ihn an. Gemeinsam warten sie auf die Tram in Richtung Innenstadt.

Im Stadthallen-Garten

Drachen, Dämonen, Superhelden – der Garten an der Stadthalle ist ein Laufsteg für die Cosplayer genannten kostümierten Besucher der Connichi. 

Mit ihren Kindern auf der Connichi: Anke Mauersberger aus Kassel.

Es ist ein Sehen und Gesehenwerden. Worum es beim Schaulaufen geht? „Natürlich darum, fotografiert zu werden“, erklärt ein Wikinger.

In der Bahn

Aus sicherer Entfernung beobachten zwei Frauen in der Tram eine Gruppe weiblicher Cosplayer, die japanische Schuluniformen im Stile eines Matrosenanzugs mit Rock tragen. „Das ist doch mal eine modische Anregung“, sagt die eine Frau. Die andere antwortet: „Nach dieser schweren und ernsten documenta ist das genau das Richtige.“

Im Café

Zurück im Café am Bebelplatz: Der Kellner, der selbst eine eng anliegende, schwarz-weiße Stoffmaske über den Kopf gezogen hat, kassiert gerade einen Zauberer mit Rauschebart und Spitzhut ab. Eine Tasse Hagebuttentee und ein Glas Joghurt mit Sanddorn – „das macht 4,70 Euro.“

Der Kellner, der auch der Inhaber des Cafés ist und Frank Sikora heißt, hat 2011 entschieden, dass es für ihn und sein Personal an der Zeit ist, bei der Connichi mitzumachen und sich auch zu verkleiden. „Das ist das Highlight des Jahres, sowohl was den Spaß-Faktor als auch den Umsatz betrifft.“ Paula Gratz, die seit zwei Jahren im Café am Bebelplatz arbeitet, pflichtet ihm bei. „Die Gäste sind total unkompliziert und super angenehm.“

Am Bebelplatz

Das ist es, was die meisten Kasseler, die im Vorderen Westen leben, über die Connichi und ihr buntes Publikum sagen. „Es ist immer so leise und friedlich, wenn Connichi ist“, sagt eine Frau, die ihr halbes Leben im Viertel verbracht hat und den Bummel am Bebelplatz dazu nutzt, sich die vielen fantasievollen Kostüme anzuschauen. „Die Connichi ist jetzt schon so lange hier, sie gehört einfach zum Vorderen Westen dazu.“

Vielleicht ist dieser Samstagmorgen doch nicht so ungewöhnlich, wie zunächst angenommen. So oder so, wir freuen uns, dass du im nächsten Jahr wieder kommst, liebe Connichi.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.