1. Startseite
  2. Kassel
  3. Vorderer Westen

Augenzeuge berichtet über spektakuläre Flucht: „Er hatte Angst, dass die Polizei ihn erschießt“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Katja Rudolph

Kommentare

Ort des Geschehens: In diesem Haus an der Dörnbergstraße war der Täter zunächst in eine Wohnung im vierten Obergeschoss eingedrungen und dann vom Balkon im ersten Stock rechts gesprungen.
Ort des Geschehens: In diesem Haus an der Dörnbergstraße war der Täter zunächst in eine Wohnung im vierten Obergeschoss eingedrungen und dann vom Balkon im ersten Stock rechts gesprungen. © Katja Rudolph

Nach der filmreifen Flucht eines Mannes vor der Polizei über die Dächer Kassels berichten Augenzeugen von der Nacht.

Kassel – Auch am Freitagmorgen gibt es im Haus an der Dörnbergstraße 2 und in der Nachbarschaft nur ein Gesprächsthema: die unglaublichen Ereignisse wenige Stunden zuvor, als ein über die Dächer vor der Polizei flüchtender Mann ins Haus eindrang, sich Zutritt zu einer Wohnung verschaffte und dann waghalsig über die Balkone sprang. „Das war eine aufregende Nacht“, sagt Heidi Göbel, als sie am späten Vormittag zwei Nachbarn im Treppenhaus trifft. Die 72-Jährige hatte die dramatischen Szenen aus ihrer Wohnung im dritten Stock verfolgt.

Der, für den die Geschehnisse nicht nur aufregend, sondern sehr bedrohlich waren, sitzt da schon im Zug nach Italien. Der 57-Jährige, der in der Wohnung über Heidi Göbel wohnt, ist unterwegs zu einem lange geplanten Berglauf in Südtirol. Auch wenn ihm die Nacht noch nachhängt und ein paar Schürfwunden und Prellungen schmerzen, habe er das nicht absagen wollen, sagt der Kasseler beim Telefonat mit der HNA.

Flucht in Kassel: „Das war eine aufregende Nacht“

Kurz vor Mitternacht war er von mehrfachem Klingeln aufgewacht. Er öffnete schlaftrunken die Tür – im Glauben, seine Frau habe womöglich den Schlüssel vergessen. Da stand ihm ein fremder Mann gegenüber und drängte hinein. „Der war in einem völligen Ausnahmezustand“, sagt der Bewohner, der von der vorangegangenen Flucht des Mannes nichts mitbekommen hatte. Der Fremde schnappte sich ein Küchenmesser und zerrte den 57-Jährigen, der zu dem Zeitpunkt allein zuhause war, durch die Wohnung. Um den Eingang zu verbarrikadieren, habe der Eindringling einen Flurschrank und einen Schuhschrank vor die Tür gerückt. „Der war sehr kräftig und trainiert“, sagt der 57-Jährige.

Trotz der bedrohlichen Situation sei es ihm irgendwie gelungen, ruhig zu bleiben, sagt der zweifache Vater. Auf Englisch habe er mit dem jungen Mann, der aus Mexiko stammt, ein Gespräch begonnen. Als der gemerkt habe, dass er keinen Widerstand leiste, habe der junge Mann sich beruhigt. „Wir saßen dann zusammen auf dem Sofa.“ Der Fremde zog sein klatschnass geschwitztes T-Shirt aus und bekam ein Glas Wasser. „Er hatte Angst, dass die Polizei ihn erschießt“, berichtet der Kasseler und fügt hinzu: „Der Mann kam ja aus Mexiko.“ Dort habe er womöglich andere Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Als er ihm erklärte, dass Polizisten in Deutschland nicht einfach schießen dürfen, habe der Eindringling ihn schließlich gehen lassen.

Kasseler Familienvater war eine halbe Stunde Geisel des Flüchtenden

Wie lange das Ganze dauerte, könne er im Nachhinein überhaupt nicht einschätzen, sagt der 57-Jährige. Als er erfährt, dass es laut Polizei eine halbe Stunde war, sagt er: „Ach ja, das kann sein.“ Als sich der Kasseler schließlich an den Schränken vorbei durch einen Türspalt auf den Hausflur quetschte, blickte er selbst bewaffneten Beamten ins Auge. „Die haben direkt geschrien: hinlegen und die Hände über den Kopf.“ Dass er nicht der Täter, sondern das Opfer war, ließ sich zum Glück schnell aufklären. Kurz darauf schloss ihn seine Frau, die draußen ausgeharrt hatte, erleichtert in die Arme.

„Viele sagen, dass das wie in einem Film war“, so der 57-Jährige. „Aber das war es für mich nicht, und auch kein Jump-and-Run-Spiel.“ Was er – ebenso wie die Polizei und viele Nachbarn – nun gern wissen würde, ist: Was trieb den Mann bei seiner waghalsigen Flucht an? „Die ganze Aktion war ja irre“, sagt er. Verrückt oder berauscht habe der junge Mann aber nicht gewirkt. Der Kasseler hofft, dass die Polizei die Hintergründe noch aufklären kann. Er jedenfalls versucht heute bei seinem Langstreckenlauf erstmal, den Kopf frei zu kriegen. (Katja Rudolph)

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion