Wegen der Triage kündigte er als Chefarzt

Legendärer Frauenarzt und Mann von Kultur und Moral: Suitbert Hoffman ist tot

Frauenarzt, Lyriker, Schriftsteller und ein guter Zuhörer: Vor 21 Jahren ließ sich Suitbert Hoffmann mit einem Stethoskop am Ohr porträtieren. Der Mediziner starb am 11. Januar mit 80 Jahren.
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Frauenarzt, Lyriker, Schriftsteller und ein guter Zuhörer: Vor 21 Jahren ließ sich Suitbert Hoffmann mit einem Stethoskop am Ohr porträtieren. Der Mediziner starb am 11. Januar mit 80 Jahren.

Suitbert Hoffmann war nicht nur einer der bekanntesten Frauenärzte Kassel, sondern auch eine legendäre Persönlichkeit im Vordere Westen. Einmal machte er sogar bundesweit Schlagzeilen.

Kassel – Bereits 35 Jahre bevor Menschen wegen Corona die Triage zu fürchten begannen, protestierte Dr. Suitbert Hoffmann dagegen, dass Patienten mit „ungünstiger Prognose“ nicht mehr behandelt werden. So verstand der Gynäkologe jedenfalls den Katastrophenplan, den das St.-Petri-Hospital in Warburg 1985 etwa für den Fall eines Atomkriegs erarbeitet hatte.

Dieses Vorgehen verstoße gegen seinen Eid, sagte Hoffmann und kündigte nach zwölf Jahren als Chefarzt. Nicht einmal Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Johannes Rau, der den Mediziner in einem Schreiben zum Unterzeichnen der Verordnung aufforderte, konnte ihn umstimmen.

„Die Zeit“ berichtete groß über den „Atomkrieg im Krankenhaus“, und die „Neue Westfälische“ bedauerte den Abgang Hoffmanns, da die Säuglingssterblichkeit in der Klinik unter seiner Führung auf die Hälfte des Landesschnitts gesunken sei.

Nach dem Streit zog Hoffmann nach Kassel und machte sich hier nicht nur als Gynäkologe einen Namen. Als Lyriker, Schriftsteller und Maler wurde er zu einer legendären Figur des Vorderen Westens.

Er trat im Tif und Theaterstübchen auf, und seine Bilder hingen im „Boccaccio“, wo er im Ruhestand fast jeden Tag saß, an Texten feilte und auf das Leben schaute. Nach der Schließung seines Lieblings-Italieners fand er im „Gusto“ in der Nähe des Bebelplatzes eine neue Heimat. Sein Freund, der ehemalige HNA-Redakteur Thomas Wessel, nannte ihn zum 60. Geburtstag einen „Mann von Kultur und Moral“.

Am 11. Januar starb der 80-Jährige, der in Kirchditmold lebte, nach kurzer Krankheit in einem Warburger Seniorenzentrum. Dort wurde er gepflegt und von einer Freundin betreut.

In seiner Wahlheimat in Nordhessen sorgte er dafür, dass unzählige Kinder auf die Welt kamen. Mit seinem Kollegen Erhard Biemer gründete er 1988 in der Tischbeinstraße die Tagesklinik für Gynäkologie und Geburtshilfe. Das Angebot war damals ungewöhnlich, weil es bis dahin üblich war, dass Mutter und Kind möglichst lang im Krankenhaus bleiben sollten.

Ende der 90er wechselte Hoffmann in die Schwangerschaftsberatung zu Pro Familia. Daneben arbeitete er in der gynäkologischen Ambulanz im Diakonissenkrankenhaus und einer Praxis am Bebelplatz.

Selbst im Ruhestand mit Mitte 70 betreute der dreimal verheiratete Vater einer Tochter und vierfache Großvater seine Patientinnen. „Er war der Arzt, dem sich die Frauen anvertrauten“, sagt sein Freund, der ehemalige Grünen-Stadtverordnete Iring von Buttlar.

Dabei hatte der gebürtige Zittauer, der nach der Flucht aus Böhmen ab 1945 im ostwestfälischen Bühne als Sohn eines Landarztes aufgewachsen war, Sänger werden wollen. Doch das Gesangsstudium in München brach er ab, weil ihm der Beruf zu unsicher erschien. Stattdessen studierte er Medizin in Münster, wurde erst Anästhesist und schließlich Frauenarzt.

Kultur blieb aber das große Hobby des Italien-Liebhabers, der einige Jahre auch am Chiemsee lebte. „Er war allem Schönen zugetan“, sagt der Schweizer Schauspieler Carlo Ghirardelli, der Hoffmann während seiner Zeit am Staatstheater auf die Bühne holte. Auch mit Schauspieler Wolfram Mucha, Musikern wie Diego Jascalevich und Prosatexten trat das Multitalent auf. „Er konnte die Menschen stundenlang unterhalten“, sagt seine Freundin, die Soziologin Ingeborg Philipper.

Sich selbst beschrieb Hoffmann, den viele nur „Suiti“ nannten, einmal so: „Ich bin ein optimistischer Pessimist.“ Eines seiner letzten Gedichte geht so: „Lasst mich so leben, / wie ich lebe. / Lasst mich so sterben, / wie ich sterbe. / Entnehmt mir nichts, / pflanzt mir nichts ein. / Ich will kein fremdes Leben, / keinen fremden Tod. / Gebt mir die Liebe, / die ich euch gab.“

Schauspieler Ghirardelli will diese Liebe noch einmal auf die Bühne bringen. Der 70-Jährige arbeitet in Luzern bereits an einer „lyrischen und literarischen Nachbetrachtung“. Wenn Corona vorbei ist, soll es eine Veranstaltung geben. (Matthias Lohr)

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