Im Frühjahr wird Gebäude abgerissen

Ende einer langen Brauerei-Geschichte: Martini verschwindet aus Kassel

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Im 19. Jahrhundert gab es in Kassel noch 20 Brauereien. Es war die Zeit, als der Schoppen noch drei Pfennig kostete und das Bier unter dem Weinberg gelagert wurde. Unser Bild entstand in den 1930er-Jahren bei einem Umzug.

Mit dem Abriss der Martini-Brauerei in Kassel verschwindet im Frühjahr die letzte Brauerei aus dem Stadtgebiet. Wir werfen aus diesem Anlass einen Blick zurück auf die Kasseler Braugeschichte. Einst gab es etliche florierende Betriebe.

Die Geschichte der Kasseler Martini-Brauerei beginnt mit Adolf Kropf, der eigentlich lieber Häuser bauen wollte. Doch eine Bierrezeptur aus der Heimat seiner Vorfahren machte aus dem Bauherren einen Brauherren.

Adolf Kropf

Die Familie Kropf stammt aus Berchtesgaden, und Kropf ließ sich erst Mitte des 19. Jahrhunderts in Kassel nieder. Für 19.500 Taler erwarb er ein Haus an der Mittelgasse. Unweit der Martinskirche richtete er 1859 eine Brauerei ein, in der auf bayerische Art Bier gebraut wurde. Das Kasseler Wahrzeichen in der Nachbarschaft sollte den Namen und das Logo von Martini prägen. Das erste Martini-Bräu wurde vor Ort ausgeschenkt. Die „Bayerische Bierhalle“, die zur Brauerei gehörte, erfreute sich großer Beliebtheit. Doch bald reichten die Kapazitäten der Brauerei nicht mehr aus. Bereits ab 1864 wurde das Bier in Fässer abgefüllt und mit Pferdegespannen zu Gär- und Lagerkellern an der Kölnischen Straße gebracht.

Dort fand Adolf Kropf 1885 schließlich einen geeigneten Standort, um die Produktion vollständig dorthin zu verlagern und auszubauen. Die „Bayerische Bierhalle“ in der Altstadt, wo der halbe Liter Bier zeitweise nur 13 Pfennig kostete, blieb bestehen. Nachdem der Firmengründer 1909 gestorben war, führten die folgenden Generationen die Geschicke weiter.

Im Krieg stark beschädigt

In beiden Weltkriegen wurde die Brauerei von Bomben getroffen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Schäden verheerend. Der Betrieb wurde mit viel Einsatz der Mitarbeiter wieder aufgebaut. Das 1938 eröffnete Sudhaus hatte den Krieg überstanden, und in ihm wurden bis 1954 eine Million Hektoliter erzeugt. Die „Bayerische Bierhalle“ war im Krieg zerstört worden.

Beliebt bei den Kasselern: Die „Bayerische Bierhalle“ an der Mittelgasse war Teil der Brauerei und Keimzelle der Privatbrauerei von Adolf Kropf. Das Gasthaus in der Altstadt wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.

1968 wurde ein Rekordausstoß vermeldet: 250.000 Hektoliter. Zwei Jahre später schloss sich Martini dem Vitamalz-Brauerei-Verbund an, deren Mitglieder sich dazu verpflichteten, Vitamalz nach einheitlichem Rezept zu brauen. Abermals wurde kräftig in den Standort investiert.

Wird mittlerweile in Einbeck gebraut: Das Kasseler Martini-Bier.

1985 versuchten Kropfs in den USA Fuß zu fassen. Die ersten 30.000 Flaschen wurden per Schiff in die USA exportiert. Nachdem der Bierabsatz rapide gesunken war, entschloss sich die Familie Kropf 1992, die Martini-Brauerei an die Henninger-Bräu AG in Frankfurt zu verkaufen. Die Zahl der Mitarbeiter sank von 264 auf 118. Das Engagement der Südhessen währte nicht lange. 1997 wurde die Kasseler Brauerei an die Einbecker Brauhaus AG verkauft. Wieder wurden Millionen in den Standort investiert.

Nachdem 2014 die Abfüllung des Kasseler Bieres nach Einbeck verlagert wurde, kam 2015 auch das Aus für die Produktion. Die Biermarken von Martini werden seitdem ebenfalls in Einbeck gebraut. 2016 wurde der Betrieb komplett geschlossen. Inzwischen sind Monteure dabei, die Anlagen zu zerlegen.

„Im März oder April wollen wir mit dem Abriss beginnen“, sagt Projektentwickler Michael Linker. Er will mit seinem Partner auf dem Areal 170 Wohnungen, Büros, Praxen und Geschäfte realisieren. Dafür wurde das Gelände an unterschiedliche Bauherren verkauft, die noch in diesem Jahr mit dem Bau beginnen wollen. Nur das alte Sudhaus und das Verwaltungsgebäude bleiben bestehen.

19 Brauereien gab es zu Zeiten Adolf Kropfs

Mitte des 19. Jahrhunderts war Bier in Kassel bereits Volksgetränk. Der Schoppen war preiswert und noch von geringer Qualität: Er kostete drei Pfennig. 19 Brauereien waren zeitweise in der Stadt tätig. Dazu zählten die Familienbetriebe Eissengarthen, Losch, Spindler, Wentzell, Eckhardt, Hahnenkamm, Kropf und Krauß.

Der Bierdurst der Kasseler konnte dennoch nicht allein durch Kasseler Produktion gestillt werden. Deshalb wurde importiert. Den größten Teil des Importbieres lieferte damals die Hessische Actien-Brauerei in Wehlheiden. Der Ort wurde erst 1899 eingemeindet. Aber auch andere Brauereien, die vor den Toren Kassel lagen, schickten ihre Fuhrwerke in die Stadt. Darunter die Kupferhammer-Brauerei, die Raabesche Brauerei in Wolfsanger, die Knallhüter (Hütt), die Homberger und die Malsfelder Brauerei. Besseres Bier gab es in Kassel erst ab 1820, als unter dem Weinberg die Fässer kühl gelagert werden konnten.

Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu vielen Fusionen: Die Brauer Wentzell und Losch gründeten 1895 die Herkules-Brauerei an der Hafenstraße, die später die Hessische Actien-Brauerei und die Kasseler Schöfferhof-Brauerei übernehmen sollte. 1972 wurde die Herkules-Brauerei von der Frankfurter Brauerei Binding geschluckt und schloss 1999 die Pforten. 

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