Buch arbeitet Pogromnacht auf

Die Opfer der Kaiserstraße: Erinnerungen an Juden aus dem Vorderen Westen 

Kassel. Drei Tage früher als in anderen deutschen Städten fand in Kassel am 7. November 1938 die Pogromnacht statt. Im Vorderen Westen lassen sich noch heute die Spuren der jüdischen Bewohner erkennen.

Mehr Informationen zur Pogromnacht gibt es im HNA-Regiowiki.

Besonders auffällig ist das heutige Haus Goethestraße Nr. 13 nicht. Es steht an der Stelle, wo bis zur Bombennacht 1943, als die Straße noch Kaiserstraße hieß, ein prächtiges Gründerzeit-Haus stand. Auffällig sei die Adresse jedoch, wenn man sich mit den Opfern nationalsozialistischer Gewaltherrschaft in Kassel beschäftigt, sagt der Kasseler Historiker Wolfgang Matthäus. Mindestens 30 Bewohner der „Kaiserstraße 13“, so der Titel seines Buches, sind der „rassistischen Ausrottungspolitik der Nationalsozialisten, dem Völkermord an den Juden“ zum Opfer gefallen. Sie wurden verfolgt, deportiert, getötet. Ebenso wie viele andere von den Nazis verfolgte Menschen in der Stadt.

Vorderer Westen: Imposante Gründerzeit-Ensembles prägten vor dem Krieg die heutige Goethestraße – hier auf Höhe der Murhardstraße. Foto: Stadtmuseum/nh

Im seinerzeit jungen, von Sigmund Aschrott gegründeten Stadtviertel Vorderer Westen lebten zahlreiche jüdische Bürger. Viele, die im Haus Kaiserstraße 13 wohnten, trugen in der Stadtgeschichte bedeutende Namen. Unter ihnen Henriette Plaut, Witwe des Bankiers Leopold Plaut und Mutter des von den Nazis ermordeten Anwalts Max Plaut ebenso wie die Mutter des Kunstfliegers Kurt Katzenstein, Franziska Katzenstein. Auch der Hausbesitzer, der Bankier, Mäzen und vielfach gesellschaftlich engagierte Alexander Fiorino lebte hier. 1940 starb er im Haus im Alter von 98 Jahren, nachdem ihn die Nazis enteignet und gedemütigt hatten.

Wolfgang Matthäus

Matthäus, pensionierter Lehrer der Albert-Schweitzer-Schule, möchte mit seinem Buch „Geschichten vom jüdischen Leben und seiner Zerstörung im Vorderen Westen und der Region“ an die Menschen in der „Kaiserstraße 13“ erinnern. Er nimmt die Leser mit auf die Suche nach dem, was sich hinter der Inschrift „Hier wohnte“ verbirgt. So steht es kurz und knapp auf den Stolpersteinen der Gedenkaktion von Gunter Demnig. Matthäus ist Gründungsmitglied des Kasseler Stolperstein-Vereins und beleuchtet, was über die „notgedrungen kurz gefassten Angaben zum Todeszeitpunkt und -ort“ hinaus zu erfahren ist über David Goldstein, Marianne Spangenthal und all die anderen Bewohner der Kaiserstraße 13.

Sein Buch widmet er der Erinnerung an die Verfolgten, indem er ihren Spuren bis an die Orte des Völkermords folgt – vor allem nach Riga, Sobibor und Theresienstadt, den Zielen der Deportationen aus Kassel. (chr)

Wolfgang Matthäus: Kaiserstraße 13, Verlag Winfried Jenior Kassel, 235 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-928172-91-2

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