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In der Friedenskirche steht Kassels drittgrößte Orgel: Fliegen sind ein Stimmungskiller

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Von: Katja Rudolph

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Ganz Ohr: Martin Fydrich von der Niestetaler Orgelbaufirma Bosch hat in den vergangenen zwei Tagen die Orgel in der Friedenskirche gestimmt. Dafür musste er jede der rund 2800 Pfeifen anhören.
Ganz Ohr: Martin Fydrich von der Niestetaler Orgelbaufirma Bosch hat in den vergangenen zwei Tagen die Orgel in der Friedenskirche gestimmt. Dafür musste er jede der rund 2800 Pfeifen anhören. © Pia Malmus

Wie wird eigentlich eine Orgel gestimmt? Wir haben uns das beim Ortstermin mit einem Orgelbauer einmal anschaut - in der drittgrößten Orgel der Stadt.

Kassel – Menschen mit feinem Gehör werden es vielleicht merken, dass Martin Fydrich in der Friedenskirche war: In den vergangenen zwei Tagen hat der Orgelbauer und Intonateur von der Niestetaler Firma Bosch die Orgel gestimmt. Dabei hat er jede der fast 2800 Pfeifen einmal erklingen lassen und gegebenenfalls mit seinen Werkzeugen bearbeitet. Nun klingt das Instrument wieder astrein – und ist bereit für eine neue Konzertreihe, die im Juni startet.

Was nur wenigen bekannt sein dürfte: In der evangelischen Friedenskirche im Vorderen Westen steht das drittgrößte Instrument in Kassel – nach der Martinskirche mit der neuen Riegerorgel und St. Elisabeth, wo nun die frühere Bosch-Orgel aus St. Martin steht. Auch die Orgel in der Friedenskirche stammt aus der Werkstatt der traditionsreichen Orgelbaufirma in Niestetal. Dieses Jahr feiert das Instrument seinen 30. Geburtstag.

Martin Fydrich, heute 60 Jahre alt, hat seinerzeit schon an der Orgel mitgebaut. Es sei eins der ersten Instrumente gewesen, das nach modernem Stil gebaut wurde, sagt er. Es zeichne sich durch seine klangliche Vielfalt aus, wodurch eine Vielfalt von Musikstilen darauf gespielt werden könne, erklärt Fydrich. Die alte Euler-Orgel, die damals stillgelegt wurde, steht übrigens bis heute noch in der Friedenskirche – gegenüber der großen Bosch-Orgel, die sich auf einer Empore hinter dem Altar befindet.

Aber wie stimmt man nun die sprichwörtliche Königin der Instrumente? Dafür braucht es neben einem guten Gehör im Wesentlichen zwei Metallwerkzeuge, mit denen die Pfeifen vorsichtig manipuliert werden. Mit einem automatischen Tastenhalter, der auf dem Manual der Orgel befestigt ist, kann Martin Fydrich per Fernsteuerung die einzelnen Pfeifen anspielen. Was heute der sogenannte Orgamat erledigt, sei früher meist Aufgabe eines Lehrlings gewesen, erzählt der langjährige Orgelbauer. Ton für Ton arbeitet er sich vor – sein Blick ist beim Hören konzentriert nach Innen gerichtet.

Etwa ein Drittel der Pfeifen müsse erfahrungsgemäß korrigiert werden, sagt der Intonateur. Dabei sind vor allem die kleinen Pfeifen für Missstimmung anfällig – hier machen sich anders als bei den meterhohen großen Pfeifen schon minimale Veränderungen stärker. Vor allem Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen wirken sich auf die Stimmung aus, sagt Fydrich. Deshalb finden Stimm- und Wartungsarbeiten jenseits der Heizperiode im Sommer statt.

Ein echter Stimmungskiller können Fliegen sein: Wenn deren letztes Stündlein in einer Pfeife schlägt, kann die nicht mehr richtig klingen. Sogar eine tote Fledermaus hat Fydrich schon einmal aus einer Pfeife holen. In der Friedenskirche sind solche tierischen Störfaktoren heute jedoch nicht vorhanden.

Je nach Pfeifenart bereinigt Fydrich Verstimmungen auf verschiedene Weise: Bei den kleineren Labialpfeifen aus Metall mit einem gezielten Klopfen seines Stimmeisens auf die Pfeifenmündung: So wird diese leicht ein- oder ausgestülpt, wodurch sich die Tonhöhe verändert. Bei größeren Pfeifen ist eine Lasche ausgeschnitten und – wie bei einer Sardinenbüchse – aufgerollt. Durch einen sanften Schlag nach oben oder unten auf die Stimmrolle wird der Ton tiefer oder höher. Pfeifen, die einen Deckel haben, werden ebendort manipuliert, und die mechanischen Zungenpfeifen an einer Art kleinem Metallhebel, der Stimmkrücke.

All diese Handarbeit wird im Orgelinneren auf engstem Raum erledigt. Nicht nur ein gutes Gehör und Fingerspitzengefühl sind also gefragt. Auch gelenkig, schwindelfrei und nicht zu korpulent sollte ein Orgelstimmer sein. Anders als in einigen alten Orgeln, wo man sich kaum bewegen könne, sei die Friedenskirchenorgel „wartungsfreundlich“, sagt Martin Fydrich. In einem Jahr kommt er wieder – damit das Orgelspiel ein Genuss bleibt.

Freitag, 24. Juni, 18 Uhr, findet zur Nacht der offenen Kirchen eine Orgelführung in der Friedenskirche statt.

Konzertreihe ab 1. Juli

Um die Bosch-Orgel der Friedenskirche und ihre Qualitäten öffentlich wieder mehr zur Geltung zu bringen, findet in diesem Sommer eine Konzertreihe mit dem Titel „Maßgeschneidert und improvisiert“ statt. Die Termine:

. 1. Juli: Mana Usui , Niestetal

. 15. Juli: Martin Forciniti, KS

. 29. Juli: Dirk Wischerhoff, Hofgeismar

. 12. August: Mario Jurczyk, Regensburg

. 26. August, Peer Schlechta, Kassel

. 17. September: Jochen Faulhammer, Kassel

Beginn ist jeweils um 18 Uhr. Eintritt: 15 Euro, ermäßigt 7 Euro, freier Eintritt bis 17 Jahre. Der Erlös ist für die Pflege der Orgel bestimmt. Vielleicht soll künftig ein Teil der alten Euler-Orgel an das vierte Manual der Bosch-Orgel angebunden werden. Dann würden quasi per Fernsteuerung von der Haupt-Orgel aus auch Pfeifen des gegenüberliegenden Instruments aktiviert. Das wäre in der Kasseler Orgellandschaft einmalig.

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