Abwesenheit eines Kinderarztes bei zwei Frühgeburten

Diakonie-Kliniken wehren sich gegen schlechte Bewertung bei Geburtshilfe-Studie

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Insgesamt 1942 Geburten zählten die Agaplesion Diakonie Kliniken Kassel im Jahr 2017: Wegen zwei Frühgeburten, bei denen kein Kinderarzt anwesend war, wurde die Geburtshilfe in einer bundesweiten Untersuchung schlecht bewertet und negativ dargestellt. Unser Symbolfoto zeigt Babys auf einer Neugeborenenstation. 

Die Geburtshilfe der Agaplesion Diakonie Kliniken Kassel schneidet in einer Untersuchung - zu Unrecht - schlecht ab und wird negativ in der Presse dargestellt. Wir sprachen mit dem Chefarzt. 

Die Geburten verliefen ohne Komplikationen, Mütter und Kinder sind wohlauf. Dennoch schneidet die Geburtshilfe der Agaplesion Diakonie Kliniken Kassel in einer bundesweiten Qualitätsuntersuchung schlecht ab: Grund dafür war die Abwesenheit eines Kinderarztes bei zwei Frühgeburten im Jahr 2017.

Den Bericht vorgelegt hat der Gemeinsame Bundesausschuss (siehe Hintergrund). Darin enthalten sind die Ergebnisse zu elf sogenannten Qualitätsindikatoren aus den Bereichen gynäkologische Operationen, Geburtshilfe und Behandlungen bei Brustkrebs aus dem vergangenen Jahr. 

Obwohl die Agaplesion Diakonie Kliniken Kassel in den anderen geprüften Indikatoren gut abschneiden, wurde ihnen in der überregionalen Berichterstattung „unzureichende Qualität“ zugeschrieben. Zu Unrecht, sagt Dr. Wouter Simoens, Chefarzt der Geburtshilfe und Pränatalmedizin an den Agaplesion Diakonie Kliniken Kassel.

Dr. Wouter Simoens, Chefarzt der Geburtshilfe und Pränatalmedzin.  

Herr Dr. Simoens, was sagen Sie zu dem Ergebnis der Qualitätsuntersuchung?

Dr. Wouter Simoens: Wir sind enttäuscht darüber, wie plakativ das Ergebnis unserer Arbeit dargestellt wird. Alle machen hier einen hervorragenden Job mit viel Herz. Wir haben eine Kooperation mit der Kinderklinik in Kassel, was offiziell nicht gefordert wird, und wenden viel Mühe, Kraft und Geld auf, um die Kinder gut zu versorgen.

Das Ergebnis der Untersuchung vermittelt also einen falschen Eindruck über die Arbeit in der Geburtshilfe?

Simoens: Ja. Formal haben wir in nur zwei Fällen im vergangenen Jahr die Kriterien des Gemeinsamen Bundesausschusses nicht erfüllt. In keinem Fall bestand aber Gefahr für Mutter oder Kind. Ein Gutachten der Kommission bestätigt, dass wir richtig gehandelt haben. Außerdem sind diese zwei Fälle ein sehr geringer Anteil bei den insgesamt 1942 Geburten in den Agaplesion Diakonie Kliniken Kassel.

Was hat es mit diesen beiden Fällen auf sich?

Simoens: Es geht um zwei Frühgeburten im Jahr 2017. Eine Patientin befand sich in der 34. Schwangerschaftswoche (33+5), die andere in der 35. Schwangerschaftswoche (34+5). In beiden Fällen war während der Geburt kein Kinderarzt anwesend. Außerdem dürfen hier nur Frauen ab der 36. Schwangerschaftswoche entbinden.

Beide Frauen wurden trotzdem behandelt?

Simoens: Ja, beide Schwangere wurden uns mit dem Rettungswagen zugewiesen. Eine Verlegung in ein Perinatalzentrum, also eine Klinik für Frühgeburten, war nicht möglich.

Warum war keine Verlegung möglich?

Simoens: In einem Fall, weil das Perinatalzentrum des Klinikums Kassel abgemeldet war und die nächstliegenden in Göttingen und Marburg zu weit weg waren. Wir wären das Risiko eingegangen, dass die Mutter ihr Kind im Rettungswagen entbinden muss. Im zweiten Fall war eine Verlegung ins Perinatalzentrum Kassel nicht möglich, weil die Geburt schon viel zu weit fortgeschritten war. Alles musste schnell gehen. Wir konnten die schwangeren Frauen ja nicht vor der Tür lassen, nur damit wir die Kriterien des Gemeinsamen Bundesausschusses erfüllen. Wir sowie der Rettungsdienst haben richtig gehandelt. Übrigens kamen die Kinder mit einem Gewicht von 2370 und 2635 Gramm zur Welt. Manche Kinder erreichen dieses Gewicht nicht einmal bei ihrem errechneten Geburtstermin.

Gab es Reaktionen wegen des veröffentlichten Berichts?

Simoens: Ich habe täglich mit schwangeren Frauen zu tun. Schwangere sind sehr gut informiert und können sehr leicht durch negative Presse beeinflusst werden. Auch davon, dass unsere Abteilung angeblich Arbeit mit „unzureichender Qualität“ leistet, wie es in den Berichten dargestellt wird. Ihnen fällt es schwer zu differenzieren, weil sie die Hintergründe nicht kennen. Ich gehe offen mit diesem Thema um, weil ich nichts zu verbergen habe. Einmal wöchentlich biete ich einen Informationsabend an. Bei dem letzten habe ich beide Fälle besprochen und erklärt, was vorgefallen ist.

Das steckt hinter der Qualitätsuntersuchung

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ist das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland. 

Dem G-BA wurde vom Bund 2016 die Aufgabe zugewiesen, planungsrelevante Qualitätsindikatoren zu entwickeln. Mit deren Hilfe sollen die für die Krankenhausplanung zuständigen Behörden, Krankenkassen und Ersatzkassen beurteilen können, ob ein Krankenhaus eine gute, durchschnittliche oder unzureichende Qualität aufweist. 

Bei der jüngsten Qualitätsuntersuchung werteten die Prüfer die Daten von 1085 Kliniken aus. Die Auswertung umfasst elf Qulitätsindikatoren in den Bereichen Geburtshilfe, Operationen bei Brustkrebs und gynäkologischen Eingriffen. Bei 73 Krankenhäusern hat der G-BA bei jeweils einem der elf Indikatoren Mängel festgestellt.

Die Klinik in Kassel ist übrigens nicht die einzige in der Region, die sich mit dem Ergebnis ungerecht behandelt fühlt. Auch das Asklepios Klinikum Schwalmstadt kam offenbar fälschlicherweise ziemlich schlecht bei der Untersuchung weg.

Wer ist Dr. Wouter Simoens?

Dr. Wouter Simoens wurde 1958 im belgischen Gent geboren. In seiner Heimatstadt studierte er auch Medizin, bevor er nach Kassel kam. Hier blieb er über 25 Jahre an der gynäkologischen Klinik im Klinikum Kassel. Neben dem Facharzt für Gynäkologie hat er den Schwerpunkt für Geburtshilfe und Perinatalmedizin. Seit Januar 2012 ist Simoens Chefarzt der Geburtshilfe und Pränatalmedizin an den Agaplesion Diakonie Kliniken Kassel.

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