2800 feiern Pop-Duo in Kassel

Umjubelte Heimkehr für Milky Chance

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Kassel. Mit einem umjubelten Konzert in der ausverkauften Kasseler Stadthalle hat das heimische Pop-Duo Milky Chance seine Heimkehr von der gerade erst zu Ende gegangenen Nordamerika-Tour gefeiert. Wir beantworten die wichtigsten Fragen rund um den Auftritt.

Hat sich das Konzert gelohnt? 

Blöde Frage, klar. Die Frage ist eher, ob sich diejenigen, die nicht da waren, später einmal ärgern werden. Unter den 2800 Fans waren viele Besucher, die Kassels erfolgreichsten Pop-Export sehr schätzen, aber noch nie live gesehen hatten, weil der “ja ganz schön rumgekommen ist”, wie Sänger Clemens Rehbein bei der Begrüßung bescheiden feststellte.

Viele Möglichkeiten, ihn und seinen Kumpel Philipp Dausch auf der Bühne zu erleben, gab es ja nicht. 

Als sie vor zwei Jahren im überfüllten Club Batterie hinter dem Kulturbahnhof auftraten, wusste jeder der Anwesenden, dass gerade etwas Großes seinen Anfang nahm. Dass es so groß werden würde mit Multiplatinauszeichnungen und ausverkauften Konzerten in Los Angeles vor 10.000 Fans, konnte niemand ahnen - auch nicht die Mitarbeiter ihrer Plattenfirma Lichtdicht Records. Rehbein und Dausch besuchten sogar Starproduzent Rick Rubin in Malibu. Kassel brauchen sie jedoch weiterhin, um durchzuschnaufen im Dauer-Hype.

“Es ist schön chillig, zu Fuß zum Konzert gehen zu können”, sagte Dausch wenige Stunden vor der Show im Interview. Es war ein Abend, an dem zwei Stars zu ihren Freunden und Familien zurückkehrten. Groß und klein zugleich.

Auszüge aus unserem Interview I

Wie gut sind Milky Chance auf der Bühne?

Aus dem Pop-Duo ist nach mehr als 300 Konzerten in zwei Jahren mit Gitarrist Antonio Greger nicht nur ein Live-Trio geworden, sondern ein bisschen auch eine andere Band. Auf der Bühne passiert nun doch wesentlich mehr als früher. Dausch liefert nicht mehr nur Samples aus dem Computer, sondern sorgt mit Percussion und elektronischen Drumpads auch für Live-Beats. Rehbein überrascht schon beim Intro mit einem Gitarren-Surfsound und streut immer wieder Hammersoli ein. Bei seinen kurzen Ansagen wirkt er immer noch etwas schüchtern, aber das macht die Band nur noch sympathischer.

Greger sorgt als zweiter Gitarrist nicht nur für einen satteren Sound, sondern bekommt für seine tollen Mundharmonikasoli Szenenapplaus. Den gab es auch für die Kasseler Abiturientin Paulina Eisenberg, die mit ihrem Kumpel Rehbein als Gast den “Unknown Song” sang. “Falls es uns in zwei Jahren nicht mehr gibt, ist Paulina da”, scherzte Rehbein.

Zudem verstehen es Milky Chance, ihre Lieder immer wieder in einem anderen Licht erstrahlen zu lassen. Das hypnotische “Running” etwa klingt mit seinen peitschenden Beats und gebrochenen Rhythmen fast schon ein bisschen nach britischem Jungle.

Wie waren die Vor-Acts?

Auch sie passten zur heimeligen Atmosphäre des Abends. Den Brüsseler Multiinstrumentalisten Témé Tan hatten Milky Chance auf einer ihrer Tourneen kennengelernt und wollten ihn nun unbedingt bei ihrem Heimspiel dabei haben. Sein Mix aus Dancehall, TripHop und Soul passte perfekt zu diesem heißen Abend. Und die Münchner Sängerin Ami Warning stand schon vorigen Sommer im Kasseler Kulturzelt auf der Bühne, als Milky Chance dort mit Freunden auftraten. Die 19-Jährige hat eine beeindruckende Tracy-Chapman-Stimme, vermischt Folk, Soul und Reggae und brachte als Bassisten ihren Vater Wally mit, der sich einen Namen als Reggae-Musiker gemacht hat und 2007 mit “No Monkey” sogar einen Sommerhit landete. Für Vater und Tochter gab es Riesenapplaus.

Auszüge aus unserem Interview II

Was war der schönste Moment?

Für die Zuschauer war das sicher der letzte reguläre Song vor den Zugaben. Da spielten Milky Chance ihren Mega-Hit “Stolen Dance”, den Rehbein als “unser Baby” und zugleich “Monster” bezeichnet. Das Stück hat die Kasseler bekannt gemacht und wurde bei Youtube im Original bis heute mehr als 170 Millionen Mal angeklickt. Dabei gibt es auf dem Debütalbum “Sadnecessary” noch bessere Stücke. Das finden auch Milky Chance. “Wir spielen ‘Stolen Dance’ nicht für uns, sondern für das Publikum”, gestand Rehbein vor dem Konzert im Interview. In der Stadthalle verfremden Milky Chance den Song zu Beginn mit einem Westernmotiv, so dass man ihn erst gar nicht erkennt. Und dann singt natürlich trotzdem der ganze Saal begeistert mit. Er ist ja auch nach dem 1000. Mal Hören noch richtig gut.

Gab es nichts zu meckern?

Doch, die Hitze und Schwüle in der Stadthalle machte allen zu schaffen. “Es ist ja doch wärmer als gedacht”, stellte Rehbein fest, als er die Bühne betrat. Da hatte das Publikum schon zwei Stunden geschwitzt. Die Schlangen an den Getränkeständen waren lang, und die Mitarbeiter der Sicherheitsfirma Protex versorgten die Fans in den ersten Reihen kostenlos mit Mineralwasser. Bis auf das Wetter, das ja niemand ändern kann, gab es also doch nichts zu meckern.

Konzert von Milky Chance in der Kasseler Stadthalle

Was haben wir sonst gelernt?

Dass man seinen Traum tatsächlich leben kann. Okay, das klingt ein bisschen Banane. Aber Milky Chance machen es tatsächlich so. Dazu passte das Bühnenbild. Unter der Decke hingen riesige indianische Traumfänger, die die Naturverbundenheit der Band symbolisieren sollten. Für das Video zum großartigen “Down By The River” hatten sich Rehbein und Dausch einst als Indianer verkleidet. Falls die beiden schlechte Träume haben sollten, werden diese vom Traumfänger vernichtet, und die guten werden einfach Wirklichkeit.

Wie geht es nun weiter?

An diesem Samstag treten Milky Chance beim ungarischen Sziget-Festival auf. Es folgen Ende August noch zwei Auftritte in der Schweiz und Anfang Oktober drei in Südafrika. Spätestens dann beginnt die Kreativpause. “Unser Plan ist es, erst einmal gar keinen Plan zu haben”, sagen Rehbein und Dausch. Im neuen Jahr wollen sie ihr zweites Album aufnehmen, nicht mit Star-Produzenten in den USA, sondern mit Freunden in Kassel. Ihr Traum geht weiter.

Milky Chance vor ihrem Konzert in der Kasseler Stadthalle

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