Mieter fühlen sich verdrängt

Immer mehr Mietshäuser in Kassel werden zu Eigentum umgewandelt

+
Will nicht ausziehen: Ulrike Petschelt wohnt seit 18 Jahren als Mieterin an der Dörnbergstraße. Sie sei bereit, mehr Miete zu bezahlen, aber nicht in dem geforderten Umfang und nicht für eine unsanierte Wohnung.

In einer der beliebtesten Wohnlagen Kassels ist ein Mietshaus innerhalb nur eines Jahres durch drei Hände gegangen. Für die Mieter hat das fatale Folgen: Sie müssen sich neue Wohnungen suchen.

Während die Eigentümer den Altbau an der Dörnbergstraße 7 jeweils gewinnbringend weiterverkauft haben, müssen sich die meisten der acht Mietparteien eine andere Bleibe suchen. Denn das Mietshaus soll – wie schon viele andere im Vorderen Westen – zu Eigentumswohnungen umgewandelt werden. Ein Mieter lebt schon seit 50 Jahren in dem Haus.

„Nun hat die Gentrifizierung, die im Vorderen Westen im Gange ist, auch uns erwischt“, sagt eine der Mieterinnen, die namentlich nicht genannt werden möchte. Mieterin Ulrike Petschelt, die seit 18 Jahren an der Dörnbergstraße lebt, spricht von „Angstmache des Investors“. Sie werde sich nicht einfach vertreiben lassen.

Der sanierungsbedürftige Altbau unweit des Bebelplatzes gehörte bis 2018 einer älteren Dame. Diese ließ, wie die Mieter schildern, nur das „Allernötigste“ am Haus machen. Dafür waren die Mieten mit 3,71 bis 5,60 Euro pro Quadratmeter sehr günstig.

Im Frühjahr 2018 kaufte eine extra dafür gegründete Immobilien GmbH aus Hessisch Lichtenau das Gründerzeithaus. Die Käufer verkauften ihre GmbH samt Haus aber schon im Herbst 2018 weiter. Weil das Gebäude auf diesem Weg weiterhin im Eigentum der GmbH blieb und nur die Gesellschafter wechselten, fiel keine Spekulationssteuer an. Diese ist eigentlich fällig, wenn der Eigentümer eine vermietete Immobilie innerhalb von zehn Jahren weiterverkauft, so Maximilian Malirsch, Geschäftsführer des Mieterbundes.

Der neue Eigentümer überführte die GmbH in seine bereits bestehende Immobilienfirma: Die Kasseler Königstor Baumanufaktur. Dessen Geschäftsführer will die Mietwohnungen zu Eigentum umwandeln – mit Ausnahme einer Wohnung im Erdgeschoss, die von der Stadt als Kita genutzt wird.

Seine Pläne, die auch eine Aufstockung und einen Fahrstuhlanbau vorsehen, teilte er den Mietern mit. Gleichzeitig kündigte er an, dass er die Mieten zum 1. Juli um 20 Prozent erhöhen wolle und sich die Nebenkosten auf etwa 250 Euro verdoppeln werden.

Nach Auskunft von Malirsch vom Mieterbund ist die Mieterhöhung unzulässig. Die Kappungsgrenze lasse in Kassel nur Mietsteigerungen von bis zu 15 Prozent innerhalb von drei Jahren zu. Als Obergrenze gelte die ortsübliche Vergleichsmiete. Weil Kassel keinen offiziellen Mietspiegel habe, müsse der Vermieter Mieten von drei vergleichbaren Wohnungen vorlegen. Zwar dürfe er auch acht Prozent der Modernisierungskosten umlegen, allerdings erst, wenn die Arbeiten abgeschlossen sind.

Zudem erscheinen Malirsch die neuen Nebenkosten sehr hoch. Der Vermieter dürfe die Verdoppelung aber erst mal verlangen und müsse dann nach einem Jahr die Kosten exakt abrechnen.

Eine Formulierung im Anschreiben des neuen Eigentümers stößt dem Mietexperten besonders auf: So heißt es, die Mieter seien gesetzlich verpflichtet, den neuen Bedingungen per Unterschrift zuzustimmen. „Das ist natürlich quatsch“, sagt Malirsch.

Weil die Mieter ein Vorkaufsrecht haben, räumte der Investor dieses ein. Rund 390 000 Euro für eine unsanierte Altbauwohnung mit 125 Quadratmetern kann sich aber nicht jeder leisten. Einige überlegen noch.

Weil sich unvermietete Wohnungen wegen der dreijährigen Sperrfrist, in der nicht wegen Eigenbedarf gekündigt werden darf, besser verkaufen lassen, bot er all jenen, die freiwillig ausziehen, eine Jahreskaltmiete als Entschädigung an. „Ich bin hier zu Hause“, sagt Mieterin Petschelt. Dies sei mehr wert.

Der Vordere Westen ist besonders von der Gentrifizierung betroffen, bei der die ansässige Bevölkerung durch wohlhabendere Bevölkerungsschichten verdrängt wird. In den vergangenen zehn Jahren sind allein im Vorderen Westen 250 bestehende Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt worden, teilt die Stadt auf HNA-Anfrage mit. Nimmt man die ebenfalls begehrten Stadtteile Wehlheiden (151), Bad Wilhelmshöhe (149), Mitte (121) und Südstadt (57) hinzu, sind es insgesamt fast 730 Wohnungen.

Das sagt der Investor

Auf HNA-Anfrage teilt die Königstor Baumanufaktur mit, dass sie bei der angekündigten Mieterhöhung von 20 Prozent möglicherweise falsch beraten war. Dies werde geprüft. Der Investor stellt aber klar, dass er zwischen 500 000 und 800 000 Euro in die Sanierung des Hauses investieren wolle. Mit einer Durchschnittsmiete von aktuell 4,69 Euro sei es nicht möglich, die Bausubstanz zu erhalten. Die höheren Nebenkosten seien nötig, um eine Treppenhausreinigung, den Fahrstuhlbetrieb und eine Erhöhung der Gebäudeversicherung zu bezahlen – es habe eine Unterversicherung bestanden. „Ich bin mit viel Feingefühl mit den Mietern ins Gespräch gegangen. Zumal es auch Familien betrifft“, so der Investor. Er habe Verständnis für deren Situation, müsse die Wohnungen aus wirtschaftlichen Gründen aber verkaufen.

VON BASTIAN LUDWIG

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.