„Ich fühle mich schon zu Hause"

Junge Asylbewerberin aus Somalia hat bei Kasselerin ein Zimmer gefunden

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Treffen beim Tee: Die 18-jährige Samiya, die vor einem Jahr allein aus Somalia geflüchtet ist, hat nun in der kleinen Wohnung unterm Dach bei Tina Schäfer im Vorderen Westen ein Zuhause gefunden. Dort hatten die inzwischen erwachsenen Kinder der Familie ihre Zimmer.

Flüchtlinge, die nach Kassel kommen, werden zunächst in Asylbewerber-Wohnheimen untergebracht. Damit diese nicht überlaufen, ist es wichtig, dass die Menschen nach einiger Zeit in normale Wohnungen ziehen können.

Wir haben eine Kasselerin besucht, die ihre Mansardenwohnung an eine junge Frau aus Somalia vermietet.

Die Kinder sind aus dem Haus, ihre früheren Zimmer unter dem Dach stehen leer. „Und so hat es sich einfach ergeben“, sagt Tina Schäfer. Die Kasselerin hat in der Mansarde über der eigenen Wohnung in einem Mehrfamilienhaus im Vorderen Westen ein Zimmer an eine junge Frau aus Somalia vermietet.

Samiya lebt seit dem vergangenen Sommer in Kassel. Sie ist mit 17 Jahren allein aus ihrer Heimat Somalia geflüchtet. Dort war sie von der Terrormiliz Al-Shabaab entführt worden und sollte mit einem alten Mann zwangsverheiratet werden. Nach sechs Monaten gelang es ihr zu entkommen. Um sie in Sicherheit zu bringen, bezahlte ein Onkel die Flucht nach Deutschland.

In Kassel lebte Samiya, deren Familienname zu ihrem Schutz hier nicht genannt wird, zunächst in einem Wohnheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Harleshausen. Mit der Volljährigkeit galt es nun, selbstständig zu werden. Tina Schäfer erfuhr über die Hephata Diakonie, die in Kassel zwei Einrichtungen für minderjährige Flüchtlinge betreibt, von der Wohnungssuche. Sie und ihr Mann Matthias Tunnemann waren sich schnell einig. Mitte Juli zog Samiya in das 20-Quadratmeter-Zimmer unterm Dach ein.

„Sie war uns von Anfang an sympathisch, das hat die Entscheidung natürlich leichter gemacht“, sagt die 54-jährige Lehrerin. Und dass es oben auch eine kleine Küche und ein Bad gibt. So haben beide Seiten ihre Privatsphäre. Bei gegenseitigen Besuchen zum Tee haben die Kasseler und ihre neue Mieterin aus Somalia schon ein wenig Vertrauen aufgebaut. Sie fühle sich schon zu Hause, sagt Samiya, fast wie in einer Familie.

In ihrer neuen, gemütlichen Bleibe kocht sie gern und strickt. Und sie lernt viel. Als die junge Frau voriges Jahr in Kassel ankam, konnte sie weder lesen noch schreiben. In ihrer Heimat konnte sie keine Schule besuchen. Jetzt bereitet die 18-Jährige sich an der Elisabeth-Knipping-Schule auf ihren Hauptschulabschluss im nächsten Jahr vor. Sie kann sich auf Deutsch schon gut verständigen. Diesen Zeitungsartikel will sie heute natürlich auch lesen - mit dem Wörterbuch daneben.

Noch läuft das Asylverfahren. Samiya hofft, dass sie bleiben darf und hat schon Träume für ihr Leben in Deutschland: Sie will gern Krankenschwester werden. Und noch mehr Kontakte zu Deutschen wünscht sich die zurückhaltende, aber herzlich wirkende junge Frau. Ihre bislang einzige Freundin stammt auch aus Somalia, sie kennen sich noch aus der Wohngruppe.

Tina Schäfer möchte als Vermieterin und erwachsene Freundin dazu beitragen, dass Samiya sich in Kassel wohlfühlen kann. Sie hofft, dass auch andere Menschen in der Stadt sich ein Herz fassen und eine Einliegerwohnung, das Dachgeschoss oder andere geeignete Räume für Flüchtlinge öffnen.

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