Debatte erreicht Forstfeld / Kassel

Aktivisten überkleben Unerwünschtes: Rassismus-Streit um Straßennamen und „Mohren-Apotheke“

Mohren-Apotheke am Bebelplatz in Kassel
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Gegen die Mohren-Apotheke in Kassel gibt es eine Internet-Petition. Vorwurf: Rassismus.

Weltweit wird um Straßennamen und andere Relikte aus der Kolonialzeit gestritten. Nun erreicht die Rassismus-Debatte Kassel. Müssen Straßen und eine Apotheke umbenannt werden?

  • Weltweit spielt das Thema Rassismus derzeit eine große Rolle
  • Die Debatte im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung ist nun auch in Kassel wieder aktuell
  • In Kassel sind sowohl Straßennamen als auch eine Apotheke betroffen

Nun hat die Debatte über diskriminierende Relikte aus der Kolonialzeit Kassel erreicht. Aktivisten haben im Stadtteil Forstfeld die Schilder der Lüderitz- und Wissmannstraße überklebt, weil sie an Kolonialherren erinnern.

Zudem fordert eine Internet-Petition von Ruth und Thomas Hunstock aus Kassel, dass die Bezeichnung Mohr aus dem Namen aller Apotheken verschwindet. Gegen Rassismus: Muss im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung auch in Kassel vieles umgeschrieben werden?

Die Bewohner der Lüderitz- und Wissmannstraße sind vor einigen Tagen umgezogen, ohne dass sie das gewusst haben. Aktivisten überklebten Straßenschilder im Stadtteil Forstfeld, weil Adolf Lüderitz den Genozid mehrerer afrikanischer Volksgruppen im heutigen Namibia ermöglicht haben soll und Hermann von Wissmann unter anderem für die Ermordung von Menschen im heutigen Tansania verantwortlich gemacht wird.

Rassismus-Streit in Kassel: „Es sollte ein Bewusstsein geweckt werden“

„Wir finden es eine Schande, dass solche Verbrecher und Mörder durch Straßenbenennungen immer noch geehrt werden“, schrieben die Aktivisten auf Indymedia, wo sie als „GelebterWiderstandNordhessen“ registriert sind.

Die Schilder überklebten sie unter anderem mit dem Namen Kahimemua Nguvauva, der einst gegen deutsche Kolonialtruppen kämpfte. Mittlerweile haben Bauhof-Mitarbeiter der Stadt die Aufkleber entfernt. Die Rassismus-Debatte aber bleibt, sie ist genau genommen auch gar nicht neu. Bereits vor fünf Jahren wurde im Ortsbeirat über eine Umbenennung von Straßennamen in der sogenannten Afrikasiedlung diskutiert.

Man entschied sich gegen neue Namen, weil das mit hohen Kosten verbunden sei. Die heutige SPD-Stadträtin Esther Kalveram berichtet von Anwohnern, die seit 40 Jahren in Kassel leben und nicht wissen, wer Lüderitz und von Wissmann eigentlich waren: „Es sollte ein Bewusstsein geweckt werden.“

Gegen Rassismus in Kassel: Heißt die „Mohren-Apotheke“ bald anders?

Ihr Parteikollege, der stellvertretende Ortsvorsteher Sascha Gröling sagt: „Wir wollen darauf hinweisen, was die Herrschaften getan haben.“ Um Rassismus und rassistisches Gedankengut nicht zu fördern, sollen kritische Zusatztafeln angebracht werden – ähnlich wie bei der ebenfalls umstrittenen Waldemar-Petersen-Straße in Waldau, die an den NS-Rüstungsmanager erinnert.

Die Schilder in der Lüderitz- und Wissmannstraße im Stadtteil Forstfeld wurden von Aktivisten überklebt.

In ihrer Online-Petition erklären Ruth und Thomas Hunstock, warum die ihrer Ansicht nach rassistische Bezeichnung Mohr aus allen Namen von Apotheken verschwinden soll – auch aus der Mohren-Apotheke am Bebelplatz in Kassel. Das Ehepaar ruft den Deutschen Apothekerverband dazu auf, dies als Empfehlung weiterzugeben.

Tatsächlich überlegt Inhaberin Christina Hartmann immer wieder, den Namen zu ändern, seitdem sie die Mohren-Apotheke in Kassel 2014 übernommen hat: „Aber das würde einen wahnsinnig hohen betriebswirtschaftlichen und bürokratischen Aufwand bedeuten. Momentan können wir das nicht umsetzen.“

Kassel hat mit Rasissmus-Debatte zu kämpfen: „Man sollte in einen Dialog treten“

Auf Instagram bekommt sie hin und wieder Hass-Kommentare deswegen. Die meisten Kunden reagierten aber verständnisvoll: „Auch Stammkunden mit dunkler Hautfarbe sind dafür, dass der Name bleibt.“ Trotzdem findet sie die Rassismus-Debatte über solche und andere Namen wichtig.

Historiker Prof. Hubertus Büschel von der Uni Kassel hat Verständnis für beide Seiten. Zwar weiß er, dass Umbenennungen aufwendig sind. Aber Straßennamen „sind eine Ehrerbietung. Da spielen auch moralische Bewertungen eine Rolle. Lüderitz und Wissmann waren klar in Kolonialverbrechen verstrickt oder haben sie sogar angeschoben.“

Büschel kennt auch die Einwände wie den, dass der Begriff Mohr auf einen schwarzen Menschen zurückgehen könnte, der die Heilkunde nach Europa brachte: „Aber in der Hochzeit des Rassismus waren die Wörter so stark belastet, dass sie bis heute abwertend sind. Letztlich ist alles, was Menschen auf ihre Hautfarbe reduziert, rassistisch.“ Daher plädiert er für Aufklärungsarbeit: „Man sollte in einen Dialog treten.“ (Matthias Lohr)

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