Vorwurf: Stadt kümmert sich nicht ausreichend um Ordnung

Diskussionen um Kasseler Rudolphsplatz: Studentin macht Vorschläge gegen Lärm und Müll

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Kommen nicht nur aus dem Vorderen Westen: Der Rudolphsplatz im Vorderen Westen ist mittlerweile Treffpunkt für jüngere Menschen aus dem ganzen Stadtgebiet geworden.

Kassel. Der „Affenfelsen“, wie der Rudolphsplatz im Vorderen Westen genannt wird, ist in lauen Sommernächten ein Platz, an dem sich viele treffen. Allerdings sorgt der Stadtplatz auch immer wieder für Diskussionen.

Wir haben mit der Studentin Anne Hanke gesprochen, die sich in ihrer Semesterarbeit intensiv mit dem Platz befasst hat.

Frau Hanke, was bedeutet Ihnen der Rudolphsplatz?

Anne Hanke: Der Rudolphsplatz ist für mich eine Art urbanes Wohnzimmer –und damit etwas, das man grundsätzlich unterstützen muss. Man lebt eben nicht nur in den Häusern, sondern auch dazwischen. So eine Fläche steigert die Lebensqualität.

Beschreiben Sie diese Lebensqualität.

Hanke: Nach dem Grillen trifft man sich noch mal auf dem Affenfelsen und zieht dann weiter in Clubs oder bleibt eben sitzen. Man verabredet sich nicht mehr, sondern geht einfach mal gucken. Irgendwen kennt man schon von den Leuten, die dort sitzen.

Sehen Anwohner das möglicherweise anders?

Im vergangenen Jahr: Anwohner hatten Hinweisschilder auf den Platz gestellt. 

Hanke: Der Platz sorgt für Diskussionen – das stimmt. Ich arbeite seit drei Jahren im Chacal. Die Bar grenzt an den Platz an, da bekommt man einiges mit. Ich hab mit unterschiedlichsten Personen gesprochen: Mit Besuchern, dem Ortsbeirat, Stadtplanern und den Stadtreinigern. Dadurch, dass viele, die abends auf dem Rudolphsplatz sitzen, sich bei uns Getränke holen, fühlen sich die Mitarbeiter des Chacals verpflichtet, für Ordnung auf dem Platz zu sorgen. Das ist aber nur eine Übergangslösung. Von der Stadt wird das nicht ausreichend übernommen – zumindest aus meiner Sicht ist es eben nicht so, wie es eigentlich sein müsste.

Ist der Müll das Hauptproblem?

Hanke: Ja, das ist einer der Kernpunkte. Auf allen öffentliche Plätzen und Straßen in Kassel gibt es Reinigungsklassen, die vorschreiben, wie häufig die Plätze von den Stadtreinigern gereinigt werden. Der Rudolphsplatz hat die niedrigste Reinigungsklasse. Das bedeutet, dass der Platz alle zwei Wochen einmal gereinigt wird. Die Stadtreiniger sind allerdings verpflichtet zu kommen, wenn jemand anruft und sich beschwert – beispielsweise wenn Scherben auf dem Platz liegen.

Wie kann man die Besucher dazu auffordern, mehr Rücksicht zu nehmen?

Hanke: Ich habe an einigen Abenden eine Art Leitsystem mit Kreide auf den Boden gemalt, das zeigt, wo Mülleimer und wo Glascontainer sind, auch einen Pfandparkplatz gab es, wo jeder sein Leergut abstellen konnte. Das wäre eine temporäre Lösung, die sich im Sommer gut anbieten würde. Man könnte zusätzlich mit Fußspuren auf die Punkte hinweisen. Es gab viele Reaktionen und ich könnte mir vorstellen, dass das funktioniert, wenn man das über einen längeren Zeitraum macht. Zudem könnten mehr Mülleimer schon helfen. So sind es einfach zu wenig. Wir räumen in der Woche bis zu 240 Liter zusätzlichen Müll weg.

Ist für viele Anwohner aber mehr die Lautstärke als der Müll ein Problem?

Hanke: Das ist schwer zu sagen. Ruhestörung ist im Vorderen Westen immer ein großes Thema. Aber das betrifft nicht nur den Rudolphsplatz, sondern den gesamten Stadtteil. In Facebook-Gruppen wird das Thema kontrovers diskutiert. Die einen möchte um 22 Uhr Ruhe haben, die anderen sagen, dass eben zu einer Stadt auch eine gewisse Lautstärke dazu gehört. Man darf auch nicht vergessen, dass der Vordere Westen der am dichtesten bewohnte Stadtteil ist.

Kommen die Besucher nur aus dem Vorderen Westen?

Hanke: Nein. Mittlerweile kommen die Besucher aus allen Stadtteilen. Umfragen, die gemacht worden sind, haben auch gezeigt, dass über die Hälfte der Besucher gar nicht aus dem Vorderen Westen kommt. Das zeigt, dass in Kassel einfach ähnliche Plätze fehlen. Mir fällt kein vergleichbarer Platz ein. Das Durchschnittsalter am Rudolphsplatz liegt bei 28 Jahren, die Jüngeren sitzen eher in der Goetheanlage. In der Innenstadt ist am Abend fast niemand mehr. Alles drängt sich in die Randgebiete, wo es mehr Grün und Lebensqualität gibt. Der Rudolphsplatz mit seiner Gestaltung – umrahmt von Altbauten und Platanen – ist schon besonders.

Um noch mal auf die Lautstärke zu kommen. Hört man wirklich nur ein Gemurmel?

Hanke: Größtenteils ist das Gemurmel. Natürlich gibt es immer mal Besucher, die betrunken und dann laut sind, aber aus meiner Sicht ist das die Ausnahme. Man darf aber nicht vergessen, dass wir in diesem Jahr einen Sommer haben, in dem es schon über Wochen warm ist. In den vergangenen Jahren gab es immer mal zwei, drei heiße Tage.

Was kann man konkret gegen die Lautstärke tun?

Hanke: Da gäbe es verschiedene Möglichkeiten. Wenn man eine Art Segel installieren würde, wäre das natürlich ein Eingriff in die Gestaltung des Platzes, aber das muss ja eigentlich auch möglich sein, um den Platz zu optimieren. Als man die Fläche geplant hat, war ja noch gar nicht klar, in welchem Umfang sie angenommen wird. Das konnte der Architekt ja gar nicht wissen.

Auch die Anwohner konnten den Platz mitgestalten.

Hanke: Im Vorfeld gab es viele Planungen und die Anwohner wollten ja auch den Platz. Viele haben sich in die Gestaltung mit eingebracht. Aber man kann einfach manche Dinge nicht einplanen – das zeigt der Platz sehr deutlich. Der Gestalter des Platzes hat vermutlich nicht damit gerechnet, dass sich hier abends mehrere hundert Leute treffen und dass das zu Problemen führen könnte. Jetzt müssen wir schauen, was wir draus machen.

Hier ist der Rudolphsplatz

Zur Person: Anne Hanke

Anne Hanke (29) studiert an der Kunsthochschule Kassel Produktdesign im sechsten Semester. Als Produktdesignerin sieht sie es als ihre Aufgabe, Probleme zu sehen und dafür Lösungen zu finden. Im Sommersemester hat sich die Studentin, die gebürtig aus Kassel kommt und im Chacal arbeitet, intensiv mit dem Rudolphsplatz befasst und eine Broschüre über den Stadtplatz im Vorderen Westen herausgegeben. 

Das sagt der Ortsvorsteher: „Reinigung lässt sich nicht einfach ändern“ 

Wir haben an mehreren Stellen im Vorderen Westen das Problem, dass oftmals Müll zurückgelassen wird. Die Reinigungsklassen lassen sich allerdings nicht einfach verändern. Eine höhere Reinigungsklasse gibt es im Innenstadtbereich oder auf der viel frequentierten Friedrich-Ebert-Straße. 

In den Wohnstraßen, darunter fällt auch die Goethestraße, ist es aber normalerweise ausreichend, wenn sie in die niedrigste Reinigungsklasse eingestuft sind. Um diese Einstufung zu ändern, bedarf es einer Satzungsänderung und damit einem Beschluss der Stadtverordnung. Das ist nicht ohne weiteres möglich. Wir werden aber das Thema Rudolphsplatz auch nochmal auf die Tagesordnung der nächsten Ortsbeiratssitzung setzen und dort die verschiedenen Probleme, eben die Lautstärke und den Müll, nochmal thematisieren.

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