Argumente für und gegen die Sperrung

Feiern trotz Corona: Heftige Diskussion um Sperrung der Partymeile - Kritik an Oberbürgermeister

Menschenmassen nach Mitternacht: Abstandsregeln wurden zu diesem Zeitpunkt auf der Friedrich-Ebert-Straße nicht mehr eingehalten.
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Menschenmassen nach Mitternacht: Abstandsregeln wurden zu diesem Zeitpunkt auf der Friedrich-Ebert-Straße nicht mehr eingehalten.

Oberbürgermeister Christian Geselle hat entschieden, die Partymeile auf der Friedrich-Ebert-Straße für den Verkehr zu sperren, um den Gästen mehr Raum zum Abstandhalten zu geben.

  • Aus der Politik werden immer mehr Stimmen laut, die OB Geselle kritisieren
  • Viele Punkte sprechen für aber auch gegen eine Sperrung der Partymeile in Kassel
  • Oft scheinen sich Partygänger auf der Friedrich-Ebert-Straße nicht an die Corona-Maßnahmen zu halten

Kassel – War es richtig, die Partymeile zu sperren? Darüber gibt es geteilte Meinungen in der Stadt. Schließlich zogen in der Nacht zu Sonntag mehrere Tausend Menschen auf die Meile, um dort gemeinsam zu feiern. Viele Anwohner waren über diese Menschenmassen in Zeiten von Corona extrem empör - Anwohner waren richtig sauer. Wir haben Argumente für und gegen die Sperrung zusammengetragen.

Corona-Maßnahmen in Kassel: Sperrung wegen mehr Raum - Das spricht dafür

  • Mehr Platz: Durch die Sperrung für Autos und Straßenbahnen war auf der Partymeile mehr Platz für Menschen vorhanden. Sie mussten sich nicht den ganzen Abend auf den Bürgersteigen drängeln. Abstandhalten war von daher besser möglich als in den Wochen zuvor. Zumindest am frühen Abend.
  • Das Entgegenkommen: Die von der Corona-Pandemie gebeutelten Wirte konnten in den Wirtschaftsgärten, die sie auf der Straße aufgebaut hatten, mal wieder einen besseren Umsatz machen. Insofern ist die Maßnahme der Stadt auch als gewisses Entgegenkommen zu werten, was das Verhältnis zu den Gastronomen betrifft.
  • Mögliche Deeskalation: Mit der Aktion entspricht die Stadt Kassel einem Bedürfnis vieler junger Menschen, die das Nachtleben nicht an den Nagel hängen wollen. Es ist der Versuch, so viel Normalität zu ermöglichen, wie es eben geht. Das kann im Prinzip auch dazu beitragen, Widerstand gegen Coronaregeln zu verhindern oder zu mildern. Denn eins ist klar – das haben die vergangenen Wochen gezeigt. Gänzlich lassen sich die jungen Menschen nicht abhalten, den Versuch zu starten, auf der Friedrich-Ebert-Straße zu feiern.

Corona-Maßnahmen in Kassel: Sperrung wegen mehr Raum - Das spricht dagegen

  • Die Tatsachen: Nach Mitternacht drängelten sich die Menschen auf der Partymeile, es herrschten zum Teil Zustände wie nach einem WM-Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Von Abstandhalten konnte keine Rede mehr sein. Die Folge: Per Lautsprecher wurden die Menschen aufgefordert, die Meile in Kassel zu verlassen, die Kneipen wurden geschlossen. Das war für einen solchen Fall zwar im Vorfeld angedeutet worden, hätte aber trotzdem vermieden werden können – durch eine Begrenzung der Besucherzahl und eine bessere Vorbereitung des Abends.
  • Die Ungleichbehandlung: Großveranstaltungen werden überall abgesagt, Corona-Hygieneregeln müssen eingehalten werden – das gilt für den kleinsten Sportverein und jede Schulklasse. Es gibt keinen Grund, warum die Besucher der Partymeile gegenüber dem Rest der Gesellschaft bevorzugt werden. Die Coronazeit bedeutet eben nun mal auch Verzicht und Zurückhaltung. Uwe Vater, Geschäftsführer von MM-Konzerte, bezeichnet das Vorgehen der Stadt deshalb auch als „Unding“. Er sei entsetzt über die Ungleichbehandlung. Vor vier Wochen habe er bei der Stadt nachgefragt, ob auf dem Friedrichsplatz ein sogenanntes Picknickkonzert mit der Kasseler Sängerin Lea stattfinden könne und sei sofort auf Ablehnung gestoßen. Er habe geplant, vier Sektoren á 250 Besucher auf dem Platz einzurichten. Die Besucher wären natürlich registriert worden, um Infektionsketten nachvollziehen zu können. Das sei auf der Partymeile am Samstag nicht geschehen. Zudem habe es dort keine Sanitäreinrichtungen und Terrorabwehr gegeben, wie es von anderen Veranstaltern immer gefordert werde.
  • Die Besserstellung: Die Kneipen der Partymeile werden durch eine solche Entscheidung gegenüber den Gastronomen in anderen Teilen der Stadt bessergestellt. Anderswo werden vor Lokalen keine Straßen gesperrt.
  • Der Sieg der Dreistigkeit: Viele Gäste auf der Friedrich-Ebert-Straße haben sich in den vergangenen Wochen daneben benommen, nicht auf Abstand geachtet und Ordnungskräfte angepöbelt. Zum Dank bekommen sie nun die ganze Meile zur freien Verfügung. Das erweckt den Eindruck, dass Dreistigkeit und Sorglosigkeit in diesen Zeiten siegen.
  • Das falsche Signal: Die Freigabe der Straße als Partyzone ist das falsche Signal. Die Gefahr ist einfach zu groß, dass dies als Einladung missverstanden wird, dort feiern zu gehen – selbst wenn die Verantwortlichen betonten, genau das wollten sie nicht. Das Problem: Die Alternativen zum Feiern fehlen. Also konzentriert sich alles auf die Friedrich-Ebert-Straße – erst recht bei einer entsprechenden Ankündigung.
Seit Jahrzehnten Kassels Partymeile: Die Friedrich-Ebert-Straße.

Corona-Maßnahmen in Kassel: Fraktionen kritisieren Entscheidung der Stadt

Die Entscheidung von Kassels Oberbürgermeister Geselle (SPD), die Partymeile auf der Friedrich-Ebert-Straße am vergangenen Wochenende für den Auto- und Straßenbahnverkehr zu sperren, um mehr Platz für die Feiernden zu schaffen, wird von CDU, Grünen, AfD, Linken und „Wir für Kassel“ kritisiert.

„Dem Oberbürgermeister hätte im Vorfeld klar sein müssen, dass die Sperrung der Straße für den Verkehr eine Sogwirkung entfacht, die zusätzliche Gäste auf die Partymeile lockt“, so CDU-Fraktionsvorsitzender Dr. Michael von Rüden. Mehr als 4000 Menschen, von denen der überwiegende Teil sämtliche Corona-Regeln missachtet habe, würden hier eine eindeutige Sprache sprechen.

Kassel: CDU fordert OB Geselle auf, „Experimente“ während der Corona-Krise zu unterlassen

„Während Straßenfeste verboten sind, Fußballspiele vor leeren Rängen stattfinden, öffentliche Veranstaltungen reihenweise abgesagt werden und strikte Hygieneauflagen zu beachten sind, riskiert Oberbürgermeister Geselle durch seine unverantwortlichen Entscheidungen nicht nur die Gesundheit der Kasseler Bürger, sondern er sendet damit auch ein fatales Signal an all jene, die sich seit Monaten an alle Corona-Regeln halten.“

Die CDU fordert Geselle auf, solche „Experimente“ wie vom vergangenen Wochenende zukünftig zu unterlassen und dafür Sorge zu tragen, dass die Stadt Kassel die Corona-Regeln durchsetzt und Verstöße dagegen ahndet.

Kassel: „Unvernünftig" - Auch die Grünen kritisieren die Sperrung der Partymeile während Corona

„Wir brauchen dezentrale Konzepte statt einer großen Corona-Party auf der Friedrich-Ebert-Straße“, so Dorothee Köpp, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen. Die größte Corona-Infektionsgefahr gehe von privaten Feiern aus. Nichtsdestotrotz gebe es ein Bedürfnis für Zusammenkünfte im öffentlichen Raum, insbesondere bei jüngeren Leuten. „Daher finden wir Grüne die Idee, feiernden Personen mehr Platz einzuräumen, damit diese mit geringerer Infektionsgefahr ausgehen können, grundsätzlich nicht schlecht.“

Es habe sich jedoch gezeigt, dass die Idee des Oberbürgermeisters nicht funktioniert habe. Mit der Straßensperrung sei ein zentraler Hotspot kreiert worden, der die Menschen aus Stadt und Kreis Kassel angezogen habe. „Schon der Gedanke einer zentralen Feiermeile ist unvernünftig und verbietet sich in Corona-Zeiten“, so Steffen Müller (Grüne), Ortsvorsteher des Vorderen Westens. „Die Belastung auf der Friedrich-Ebert-Straße war enorm. Sowohl der Lärm als auch die Verschmutzung durch Müll und Scherben war nicht mehr mit einer normalen Samstagnacht zu vergleichen.“

Corona-Pandemie: Fraktion wirft dem OB von Kassel Versagen vor

Es stelle sich die Frage, ob der Oberbürgermeister den Herausforderungen und dem Druck einer Pandemie noch gewachsen ist, so Mark Bienkowski von der Kasseler Linken. „Eine solche Aktion ist respektlos gegenüber allen Menschen, die Abstand halten und Masken tragen – schlicht solidarisch handeln. Eine solche Aktion untergräbt die Moral der Menschen in Kassel.”

„Versagen in Kassel hat einen Namen: Geselle“, kommentiert Andreas Ernst, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende von „Wir für Kassel“. „Seit Wochen das gleiche Bild auf der Friedrich-Ebert-Straße, und unser Oberbürgermeister hat keine andere Idee, durch eine Straßensperrung noch mehr Menschen anzulocken? Das kann man nur als Krisenversagen bewerten.“

Das städtische Corona-Konzept, die Friedrich-Ebert-Straße zu sperren, sei gnadenlos gescheitert, so der AfD-Stadtverordnete Thomas Materner. Dies habe vor allem an den „großspurigen Ankündigungen“ dieser Sperrung für Autos gelegen. Materner schlägt indes vor, dass die Bars und Diskotheken normal öffnen sollen. „Durch längere Öffnungszeiten und ohne die Sorge vor verfrühten Zapfenstreich würde sich die Partyszene auf der Meile gut entzerren. Die jungen Leute handeln bewusst. In Sachen Corona-Infektionen ist Kassel stabil.“ (Ulrike Pflüger-Scherb, Florian Hagemann und Katja Rudolph)

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