Besprechungen unter Bäumen 

Kasseler Entwicklungshelfer bauen Solaranlage im Senegal

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Besprechung unterm Baum: Wenn Thomas Flügge und Sarah Link vor Ort an ihrem Projekt arbeiten, dann wird die Bevölkerung vor Ort mit einbezogen.

Kassel. Wenn Thomas Flügge und Sarah Link Montag in den Senegal fliegen, dann einmal mehr, um Aufbauhilfe zu leisten. Ein Interview über Herausforderungen in der Entwicklungshilfe.

Auch über die Gefahren, die die Entwicklungshilfe mit sich bringen kann, sprechen die beiden Geschäftsführer der in Kassel ansässigen cdw Stiftung. Als eine ihrer Hauptaufgaben sehen sie es an, die Stromversorgung in Entwicklungsländern zu verbessern – mit Hilfe regenerativen Energien. So entsteht derzeit im senegalesischen Mlomp ein solares Versorgungswerk. Im Interview erzählen Flügge und Link, welche Erfahrungen sie schon gemacht haben.

Herr Flügge, Frau Link, mit welchen Gefühlen fliegen Sie in den Senegal?

Flügge: Es ist aufregend, weil immer etwas passiert, was zuvor nie passiert ist. Was die Sicherheit anbelangt, sind wir aber entspannt, auch wenn wir in ein Gebiet reisen, das als Rebellenregion gilt. Durch unsere Erfahrung können wir die Lage ganz gut einschätzen. Außerdem treffen wir auf Leute, denen wir vertrauen können.

Link: Bei mir überwiegt jedesmal das Gefühl der Vorfreude, zumal wir vor Ort immer mehr erreichen können als hier am Schreibtisch. Es ist zwar allein schon von den hohen Temperaturen immer anstrengend, aber erfreulich, was die konkrete Projektentwicklung anbelangt.

Welche Vorkehrungen sind denn zu treffen?

Flügge: Wir sind so ziemlich gegen alles geimpft und haben auch immer einen Medizinkoffer dabei. Und natürlich haben wir einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert, der einen auf Krisensituationen vorbereitet. Sie müssen ja berücksichtigen, dass wir im Senegal wirklich auf dem Dorf sind – fernab der großen Städte, wo die ärztliche Versorgung noch gewährleistet ist. Auf dem Dorf möchten wir es nicht darauf ankommen lassen, dass andere an uns Hand anlegen.

Blicken wir mal auf die Arbeit vor Ort: Auf welche Probleme treffen Sie zum Beispiel?

Flügge: Der erste Konflikt, der immer entsteht, tut sich bei der Frage nach Eigentum und Besitz auf – wie bei unserer Anlage. Es sind dort verschiedenste Leute, die sie für sich beanspruchen wollen. Sie glauben, wenn sie etwas besitzen, dann profitieren sie davon. Das hat auch damit zu tun, dass die Politik ständig mitmischt – mit immer anderen Personen. Aber irgendwann hat man den Dreh raus: Die mündliche Vereinbarung ist mehr wert als der schriftliche Vertrag.

Wie verständigen Sie sich denn vor Ort?

Link: Leider reicht es nicht aus, sich auf Französisch zu verständigen. Allein im Senegal werden bei 15 Millionen Einwohnern 16 verschiedene Sprachen gesprochen. Auf dem Land funktioniert es nur mit Übersetzern. Da sind Geduld und Vertrauen nötig.

Flügge: Die Übersetzung an sich ist schon eine spannende Sache. Wir haben bei den Gesprächen immer viele Zuhörer, weil sich alle Besprechungen unterm Baum mitten im Dorf abspielen und nicht im geschlossenen Raum. Es kann also jeder die Übersetzung überprüfen. Das führt dann auch wieder zu Konflikten.

Das klingt nach einer großen Herausforderung.

Flügge: Das ist auch eine große Herausforderung. Zumal wir uns immer wieder neuen Situationen gegenübersehen. Kürzlich zum Beispiel ist der traditionelle König gestorben. Nach seinem Tod haben wir erst so richtig realisiert, wie wichtig er für das gesellschaftliche Leben vor Ort ist. Nach seinem Tod ist ein Machtkampf entbrannt zwischen den Autoritäten vor Ort. Und wir waren mit unserem Projekt mittendrin.

Link: Das gehört eben auch zu unserer Lernkurve: Wir haben zum einen die administrativen, zum anderen aber auch die traditionellen Autoritäten – etwa den König. Als wir das erste Mal vor Ort waren und uns im Rathaus vorgestellt haben, hieß es, wir müssten noch zum König. Da haben wir uns erst einmal ungläubig angeschaut.

Kommen wir noch einmal auf Ihr Projekt zu sprechen. Was leistet es konkret?

Link: Wir haben vor Ort das Problem, dass die ländliche Bevölkerung immer mehr in die Städte zieht. Um den Menschen auf dem Land auch eine berufliche Perspektive bieten zu können, braucht es Strom. Hier setzen wir an. So haben wir einen gewerblichen Marktplatz aufgebaut, um den Händlern die Möglichkeit zu geben, nicht abwandern zu müssen. Ein Metallverarbeiter kommt nun jeden Tag acht Kilometer mit dem Fahrrad, um auf diesem Marktplatz arbeiten zu können.

Flügge: Ein anschauliches Beispiel, was mit Strom zu erreichen ist, ist auch die Produktion von Eiswürfeln. Die Händler, die vom Hafen zur regionalen Hauptstadt fahren, um dort ihren Fisch anzubieten, haben bisher keine Möglichkeit gehabt, unterwegs ihre Ware zu kühlen. Jetzt ist es möglich. Außerdem besteht mit Strom ein enormes touristisches Potenzial, das ungenutzt ist. In der Nähe lassen sich Seekühe besichtigen. Allein die Wanderung dorthin ist fantastisch.

Strom für Mlonp: Entwicklungshilfe mit Solaranlagen.

Wie begegnen Ihnen denn die Menschen in Mlomp?

Link: Sie werden immer offener; das ist auch der Vorteil, wenn man wie wir öfter vor Ort ist. Wenn man alle zwei, drei Monate da ist, baut man eine Beziehung auf. Wir sind sogar eingebürgert worden.

Gab es denn auch gefährliche Situationen?

Flügge: Schlimm waren zwei nächtliche Autofahrten. Es gibt unterwegs keinen Strom. Man sieht nichts. So kam es zu Situationen, bei denen ich dachte: Das war es jetzt. Einmal tauchte plötzlich ein Ochsenkarren vor uns auf. Aus dem Nichts.

Wann sehen Sie denn Ihre Arbeit als abgeschlossen an?

Link: Jedenfalls jetzt noch nicht. Wir wollen ja mehr erreichen, als nur für Strom zu sorgen. Wir wollen die Verwaltung unterstützen, Ausbildung anbieten. Wir haben jetzt etwa eine Genossenschaft gegründet, die sich mit dem Projekt befasst. Und: Wir sind flexibel.

Flügge: Wir denken nicht gleich an den Abschluss, wie das bei staatlichen Projekten oft der Fall ist, die zeitlich und finanziell begrenzt sind. Wir sehen unser Projekt als langfristige Aufgabe an – mit der Möglichkeit, vor Ort immer nachzusteuern. Ziel ist es aber auch, eine Systematik herzustellen, die auf andere Orte übertragbar ist.

Zu den Personen

Thomas Flügge

Thomas Flügge ist 42 Jahre alt und kommt aus Hamburg. Er ist Geschäftsführer der cdw Stiftung, verheiratet und hat zwei Kinder. 

Sarah Link

Sarah Link ist 30 Jahre alt und kommt aus Norderstedt. Sie ist Geschäftsführerin der cdw Stiftung. Ledig.

Hintergrund: Die Stiftung und das Projekt

Die cdw Stiftung wurde vor sieben Jahren von den SMA-Gründern und Hauptaktionären von SMA ins Leben gerufen. Der Vorstand besteht aus Irene Cramer, Peter Drews und Reiner Wettlaufer. Die Aktivitäten und Projekte laufen über eine gemeinnützige GmbH, die 2016 annähernd 900 000 Euro in Projekte investierte. 

Einen großen Anteil an den Projekten hat die Entwicklungsarbeit, für die von 2012 bis 2017 rund 1,3 Millionen Euro ausgegeben wurden. Mlomp ist nach Angaben von Geschäftsführer Thomas Flügge der mit Abstand höchste Ausgabenposten. Seit mehr als drei Jahren läuft das Projekt nun schon.

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