Über 1000 betroffene Frauen

Kasseler Frauenärztin über Genitalverstümmelung: „100 Prozent leiden“

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Fay Mohammad ist ein Opfer von vielen. Im Alter von neun Jahren wurde sie im Jahr 2004 beschnitten. Nach dem Eingriff wurden ihre Beine für eine bessere Wundheilung zusammengebunden.

Kassel. In Kassel leben mehrere hunderte Frauen, die beschnitten sind. Eine Kasseler Frauenärtzin berichtet von ihren Erfahrungen.

In Kassel leben hunderte Frauen mit verstümmelten Genitalien.

Auf dem Behandlungsstuhl der Gynäkologin Nora Szász nehmen täglich Frauen Platz, die in ihrem Heimatland beschnitten wurden. In die Praxis im Vorderen Westen kommen viele Patientinnen aus Somalia und Eritrea. Schon seit Jahren leben über 1000 Menschen aus diesen Ländern in Kassel. Im Zuge der Flüchtlingswelle der vergangenen beiden Jahre sind es noch mehr geworden.

Nora Szász

Sofern die Patientinnen es nicht selbst ansprechen, mache sie die Beschneidung nicht gleich beim ersten Besuch zum Thema, sagt die Gynäkologin. Ihr ist es wichtig, zunächst ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Beim Anblick der Narben anstelle der Klitoris oder fast komplett vernähter Schamlippen beherrscht sie sich. „Man kann nicht, wenn eine Frau ihren Intimbereich zeigt, mit Empörung oder Schrecken reagieren“, sagt die 55-Jährige. „Das wäre eine Erniedrigung.“

Sie benutze auch bewusst nicht den Begriff Verstümmelung. „Auch wenn ihnen eine grausame Wunde zugefügt wurde, müssen die Frauen ihren Körper ja annehmen und sollen sich nicht falsch fühlen.“ Beschneidung bezeichne bei Frauen allerdings etwas völlig anderes als bei Jungen, bei denen lediglich die Vorhaut entfernt wird. „Was den Frauen angetan wird, käme je nach Typ des Eingriffs einer Entfernung der Eichel oder der Amputation des Penis gleich.“

Die Folgen der Beschneidung begleiten die Frauen ein Leben lang. „100 Prozent leiden“, sagt die Frauenärztin „denn vollkommen unbeschadet kann kein Mädchen so etwas überstehen“. Gleichwohl hätten viele der Frauen keinen hohen Leidensdruck. Die Mehrzahl komme gut zurecht. Das liege auch daran, dass die Beschneidung in ihrem Kulturkreis Normalität sei. Viele seien erstaunt, wenn sie entdeckten, dass deutsche Frauen nicht beschnitten würden. Umso wichtiger ist es Szász, nach einer Weile mit den Frauen behutsam über das Thema ins Gespräch zu kommen – auch damit sie für ihre Töchter einen solchen Eingriff verhindern.

Urin muss durch winzige Öffnung

„Für jedes Mädchen ist eine Beschneidung ein Trauma“, sagt Szász, allein durch den Verlust des Urvertrauens gegenüber den Eltern, die dem Kind die Schmerzen zumuten. Körperliche Folgen seien häufig Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, eine geringere sexuelle Empfindsamkeit, Narbenverwachsungen und Probleme beim Wasserlassen. Viele Frauen bräuchten mehrere Minuten zum Entleeren der Blase, weil der Urin sich den Weg durch eine winzige Öffnung suchen müsse.

Vor einiger Zeit kam eine junge Afrikanerin in die Praxis, die wegen der Beschneidung unter extremen Regelschmerzen litt. Sie wollte eine Operation, um die zugenähte Vulva wieder zu öffnen. „Sie hat sich danach wie befreit gefühlt“, sagt Nora Szász.

Auch eine frisch verheiratete Frau sei mit ihrem Ehemann in die Praxis gekommen. Er bringe es nicht übers Herz mit seiner Frau zu schlafen, weil er ihr solche Schmerzen zufüge. Bei der OP zeigte sich, dass die Frau unter der Vernarbung eine intakte Klitoris hatte, die wieder freigelegt werden konnte. Inzwischen hat das Paar zwei Kinder.

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