Vor 60 Jahren wurde das Gloria-Kino gebaut

Kasseler Friedrich-Ebert-Straße vor 60 Jahren: Autoschneise und Filmtheater

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Großes Filmtheater: Das Gloria-Kino ist in den oberen Büroetagen noch nicht fertiggestellt, da macht ein Filmplakat bereits Lust auf den „größten Film aller Zeiten, Vom Winde verweht“. Die Aufnahme stammt aus dem Sommer 1954.

Kassel. Die Friedrich-Ebert-Straße wird zurzeit zum Boulevard umgebaut. Nach der Kriegszerstörung gab es in den 1950er-Jahren am Ständeplatz bereits erste grundlegende bauliche Veränderungen.

Die Friedrich-Ebert-Straße verlief vor wenigen Jahrzehnten ganz anders als heute. Sie war im Bereich Ständeplatz bedeutend schmaler und bis zu der vor dem Zweiten Weltkrieg noch parallel zur Jordanstraße verlaufenden Straßenkante dicht mit prächtigen Gründerzeit-Wohnhäusern bebaut. Die Zerstörung der Häuser während des Zweiten Weltkriegs bot den Stadtplanern später die Gelegenheit, den Straßenverlauf zu verändern und zu einer großen Kreuzung, zum Ständeplatz, umzubauen.

Davon erzählt die Kasselerin Susanne Schaeffer, deren Großeltern hier ein Haus besaßen.

Veränderung: Auf dem Vorkriegs-Stadtplan ist zu erkennen, wie die Hohenzollernstraße, heute Ebert-Straße, verlief. Die Grafik darüber zeigt die heutige Situation.

Die jüngste Stolperstein-Verlegung durch den Künstler Gunter Demnig habe die topografische Veränderung der Ebert-Straße vor Augen geführt: Die jüdische Familie Dalberg wohnte an der damaligen Hohenzollernstraße 5, also dort, wo sich heute das Gloria-Kino befindet. Ihre Stolpersteine für Opfer des NS-Regimes hätten wie gewöhnlich in den Bürgersteig vor ihrer letzten Adresse in Kassel eingelassen werden sollen. Dieser historische Ort befindet sich aber heute im Bereich Straßenbahn-Insel, mitten auf dem Ständeplatz. „Da wollten wir keine Stolpersteine verlegen“, sagt Jochen Boczkowski vom Kasseler Stolperstein-Verein. Und so bekam das Ehepaar Bella und Julius Dalberg, die deportiert und 1943 im KZ Solibor ermordet wurden, Gedenksteine an der 20 Meter zurück versetzte Ebert-Straße 3.

Susanne Schaeffer

Das Wohnhaus, in dem die Dalbergs wohnten, existiert nicht mehr. Es wurde in der Kasseler Bombennacht im Oktober 1943 zerstört. Die Wohnhäuser Hohenzollernstraße 1 bis 13 sind ebenfalls verschwunden Es entstand an dieser Stelle eine großzügig verbreiterte Schneise für einen rollenden Straßenverkehr. „Die Grundstücke wurden neu vermessen und im Kataster verzeichnet“, sagt Schaeffer. Ihr Großvater, der Unternehmer Georg Rüdiger (1891-1965), besaß an der Jordanstraße ein großes Wohnhaus, das auch Sitz seiner Baufirma war. Auch dieses Haus wurde fast vollständig zerstört. In den 1950er-Jahren beschloss Georg Rüdiger das Grundstück neu zu bebauen: mit einem Kino. Allerdings hatte das Baugrundstück einen anderen Zuschnitt und die Adresse lautete jetzt Friedrich-Ebert-Straße. Das von Rüdiger erbaute Gloria-Kino, dessen lupenreine 50er-Jahre-Architektur noch heute zu bewundern ist, wurde in knapp einem Jahr erbaut, zum großen Teil aus gereinigten Ziegelsteinen des ehemaligen Gebäudes an der Jordanstraße. Die Rückfront wurde zur Vorderfront des Neubaus und damit zum Eingang des Filmtheaters Gloria-Kino.

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