Nordhessens einziges Exemplar bei Wintershall

Neue Verordnung bedroht Paternoster

Die Nutzung von Paternostern in öffentlichen Gebäuden ist seit 1. Juni nur noch Personen erlaubt, die eine Einweisung bekommen haben. Fans der alten Aufzüge haben Angst, dass sie abgeschaltet werden könnten.

Wir sind mit Nordhessens einzigem Paternoster gefahren:

Ein leises, regelmäßiges Klacken ist zu hören, wenn die telefonzellengroßen Kabinen an der ersten Etage vorbeigleiten. 4:26 Minuten dauert es, bis der Paternoster in der Wintershall-Zentrale in den zwölften Stock und wieder runtergefahren ist. Er ist der einzige seiner Art in Kassel.

Ein Vorteil des Umlaufaufzuges ist seine ständige Verfügbarkeit. Zeitfressendes Warten auf den Aufzug entfällt - auch zu Stoßzeiten. Die Fahrzeit ist im Gegensatz zum normalen Aufzug deutlich länger, dafür der Einstieg weitaus abenteuerlicher: Auf den richtigen Zeitpunkt kommt es an.

Fahrt mit Ausblick: Für HNA-Redakteurin Kathrin Meyer war die Fahrt im Paternoster etwas Besonderes. Anders als im Aufzug reizt der Blick in die verschiedenen Etagen. Foto: Koch

In den vergangenen Wochen hatte eine Verordnung von Arbeitsministerin Andrea Nahles für Aufregung gesorgt. Die Nutzung eines Paternosters sollte nur noch geschulten Personen möglich sein. Das wäre vor allem in öffentlich zugänglichen Gebäuden ein Problem. Fans der nostalgischen Umlaufaufzüge hatten Angst, dass das die Abschaltung vieler Paternoster bedeutet. In Kassel sieht man die neue Verordnung gelassen. Die Wintershall-Zentrale an der Friedrich-Ebert-Straße ist nur Mitarbeitern zugänglich, die bereits an speziellen Sicherheitsunterweisungen teilgenommen haben. So ist es beispielsweise verboten, mit dem Paternoster über den Dachboden wieder nach unten zu fahren. Im zwölften Stock muss ausgestiegen werden. Schilder vor dem letzten Stockwerk weisen darauf hin. Eine Weiterfahrt wäre zwar ungefährlich, ist aber verboten.

Wer aber die Treppe in den 13. Stock nimmt, bekommt einen Einblick in die Mechanik des nostalgischen Gefährts. Auf großen Ketten, die täglich gefettet werden, gleiten die Kabinen nach oben und werden dann umgesetzt. Häufig besteht bei Fahrgästen die Angst, dass die Kabinen gedreht werden könnten und es auf dem Kopf weitergeht. Das ist allerdings ein unbegründeter Mythos. Maximal zwei Personen dürfen gleichzeitig die schmalen Abteile besteigen.

Der Umlaufaufzug ist täglich von 7 bis 17 Uhr eingeschaltet. Unfälle mit dem Paternoster habe es in Kassel bisher nicht gegeben, sagt Wintershall-Sprecherin Ulrike Saße. Um das Jahr 2000 seien die massiven Ketten des Paternosters komplett ausgetauscht worden, außerhalb der regelmäßigen Wartungen habe es aber keine Reparaturen oder Ausfälle gegeben.

Insgesamt 28 Abteile sind zwischen den Etagen unterwegs. „Zu den Stoßzeiten wird es hier richtig voll, aber viele Mitarbeiter nehmen auch den Aufzug oder die Treppe“, sagt Saße. Oft habe das praktische Gründe. Eine Fahrt mit Gepäck sei beispielsweise im Paternoster nicht möglich. Mit einer Aktentasche sei es zwar kein Problem, aber eine Fahrt mit Rollkoffer sei schwierig.

Hintergrund

Der Paternoster in der Wintershall-Zentrale ist seit der Erbauung des Gebäudes 1957 in Betrieb. Gleichzeitig zum Paternoster konnten aber auch immer Aufzüge in dem 13-stöckigen Hochhaus genutzt werden.

Die Bezeichnung Paternoster steht mit dem Rosenkranz in Zusammenhang, einer Zählkette für Gebete. Auf gleiche Weise sind bei einem Umlaufaufzug die Personenkabinen wie auf einer Schnur aufgefädelt. In Deutschland gibt es Paternoster häufig in Verwaltungsgebäuden. Beispielsweise in Berlin im Auswärtigen Amt und im Bundesministerium für Finanzen. In Hamburg fahren Paternoster in der Finanzbehörde und im Landgericht. In Frankfurt fahren mehrere Paternoster in den Unigebäuden am Westend-Campus.

Eine Liste von Paternostern ist bei Wikipedia zu finden.

Paternoster in der Kasseler Wintershall-Zentrale

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