Ledergroßhandlung Oswald Rutsch

Schuhhandwerk wie früher - Doch nach 110 Jahren ist nun Schluss

Kassel. 110 Jahre lang gab es die Ledergroßhandlung Oswald Rutsch in Kassel. Verändert hat sich seither kaum etwas in den Räumen. Nun ist das Ende da für das Traditionsunternehmen.

Der Duft von Leder, Leim und rechtschaffenem Schuhmacherhandwerk liegt in der Luft, obwohl die meisten Regale schon leer sind. Für Helga und Rudolf Jung wird in ein paar Wochen das Arbeitsleben zu Ende sein. Sie schließen ihre traditionsreiche Ledergroßhandlung Oswald Rutsch an der Friedrich-Ebert-Straße 89.

Das Geschäft, das fast 110 Jahre bestand und Schuhmacher, Schuhgeschäfte und Orthopädiehandwerker in der Region belieferte, wird dann in Kassel das letzte seiner Art gewesen sein.

Die Hinterhofräume gleichen einem Museum für eine untergehende Handwerkskultur. Seit der Nachkriegszeit hat sich hier kaum etwas verändert. Holztische und Dielen weisen die Spuren von Generationen auf, im Büroraum, wo ein Ölofen bollert, ist ein Faxgerät die einzige moderne Errungenschaft. Daneben steht eine betagte Olympia-Schreibmaschine. „Auf der habe ich sämtliche Rechnungen und Bestellungen geschrieben“, sagt Helga Jung.

Ungezählte Lederqualitäten, Sohlen, Senkel, Absätze, Kleber, Zwicknägel, Fette, Cremes und Bürsten – alles, was zur Schuhherstellung und -pflege erforderlich ist, hatte die Firma Rutsch auf Lager. Den richtigen Artikel auf einen Griff zu finden, war reine Erfahrungssache. Eine Bestandsverwaltung per Computer? Undenkbar für das Inhaberpaar, das die Großhandlung 24 Jahre lang ohne Mitarbeiter geführt hat. „Wir haben immer gewusst, wo alles steht“, sagt Rudolf Jung. Jetzt sind nur noch Restbestände da, die an Kunden und Bekannte verschenkt werden.

Reparieren lohnt oft nicht

Das Leder und die Kundenkartei hat eine Firma in Osnabrück übernommen. Nachfolgersuche war für Jungs, die das Ruhestandsalter erreicht haben, kein Thema. Denn der Bedarf nach Artikeln zur Schuhreparatur schwindet immer weiter. Jung: „Wer lässt denn schon Schuhe für zehn, zwölf Euro reparieren, wenn sie neu bloß 25 oder 30 Euro gekostet haben?“

Trend zu Billigschuhwerk 

Neben dem Trend zu Billigschuhwerk und zu „Sneakers“ aus Synthetikmaterial, die sich kaum handwerklich reparieren lassen, hätten in den letzten Jahren auch viele regionale Schuhgeschäfte mit eigener Werkstatt aufgegeben. Auch die Krankenkassen würden sparen und orthopädisch angepasste Schuhe nicht mehr so häufig bewilligen wie früher.

Auch Großabnehmer sind weggefallen. Bis vor einigen Jahren, erzählt Helga Jung, seien in der Justizvollzugsanstalt Kassel Hausschuhe für Haftanstalten in ganz Deutschland gefertigt worden. Für das Material „haben wir oft die Ausschreibung gewonnen“. Auch der Lokbauer Bombardier habe bei der kleinen Firma „palettenweise“ Leder für die Ausstattung von Schienenfahrzeugen bestellt.

Diese Zeiten kommen nicht wieder. Für die Eheleute sind bald aber auch die oft zwölfstündigen Arbeitstage vorbei, die Samstagsschichten hinter den Geschäftsbüchern, das Leben zwischen Leder, Senkeln und Sohlen. Helga Jung fällt dies nicht leicht, sie verdrückt ein paar Tränen. Rudolf Jung sieht das entspannter. Er freut sich darauf, oft und ausgiebig angeln zu gehen. Dazu sind dann wohl eher Gummi- als Lederstiefel angesagt.

Von Axel Schwarz

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