Aufnahme in die Liga der deutschen Spitzenköche

Nach Auszeichnung mit Michelin-Stern: So reagierte der Chef des Restaurants Voit

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Sie erkochten den Michelin-Stern: Voit-Inhaber und Küchenchef Sven Wolf (Mitte) mit seinen beiden Köchen Philipp Propach (links) und Meik Kraft.

Kassel. Das Restaurant Voit in Kassel ist das erste der Stadt, das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde. Wie der Chef des Lokals auf die positive Nachricht reagiert hat. 

Bei Köchen sind die Arbeitstage ohnehin schon lang. Sven Wolf aber hatte seit Dienstagvormittag ein besonderes Non-Stop-Programm zu bewältigen: Durch eine Handynachricht des deutschen Guide-Michelin-Direktors Ralf Flinkenflügel wurde der Kasseler unerwartet in die Liga der deutschen Spitzenköche befördert. „Man kann es noch gar nicht so richtig greifen“, sagte der übermüdete und glückliche Chef des Restaurants Voit am Mittwoch.

Ob er denn nun in ein paar Stunden in Potsdam zu erwarten sei, fragte der Michelin-Mann an. Da gab es offenbar eine kleine Organisationspanne vor der Feier, bei der Deutschlands neue Sterneköche 2018 bekanntgegeben wurden. „Die waren der Meinung, ich sei bereits informiert“, berichtete Sven Wolf.

Nein, durchgesickert war vorher nichts. Also nach dem ersten Überraschungsschock in Windeseile auf in Richtung Berlin. Vater Karl Heinz „Ede“ Wolf, ehemaliger Fußballtrainer des KSV Hessen Kassel und des Regionalligisten SC Neukirchen, chauffierte den Sohn und dessen Servicechef Vito Nicotra spontan im Auto zu der Gala; nach ein paar Stunden standen die Kasseler mit Spitzenkollegen aus ganz Deutschland auf dem Olymp der deutschen Gastronomie. Nach einer langen Feiernacht ging es anderntags mit dem Zug zurück nach Kassel.

Seither „steht das Telefon nicht mehr still“, berichtet Kassels erster Sternekoch. Tenor: Wir sind stolz! Besonders freut sich der 36-jährige über die Glückwünsche und die Sympathie, die ihm von Kasseler Gastro-Kollegen entgegengebracht werden. Das bedeute ihm viel, zumal ein Lokal mit Anspruch und Profil des Voit „in einer Stadt wie Kassel nicht immer einen leichten Stand“ habe. Der Anspruch: „Täglich Qualität zu liefern und immer noch eine Schippe drauf zu packen.“

Wolfs leichte, fein und zugleich lässig komponierte Küche kommt als Themen-Arrangements unter den Rubriken „Wasser“ (für Fisch und Meeresfrüchte), „Weide“ oder „Feld und Wiese“ (für Vegetarisches) daher. Einflüsse aus Asien, wohin Wolf mit seinem früheren Chef Tim Mälzer in kulinarischer Mission gereist ist, schimmern allenthalben durch. Ein Menü mit sieben Gängen, bei dem man die Komponenten wählen kann, kostet 98 Euro.

40 Plätze hat das Restaurant, das mit seinem zwanglos-offenen Einrichtungsstil eine neue Generation erstklassiger Restaurants repräsentiert, wie sie zunehmend auf das Radar von Testern wie denen des Guide Michelin geraten. Während der documenta gab es im Netz eine Menge lobender Rückmeldungen von Voit-Gästen aus allen Teilen der Welt. „Diese Wertschätzung hat uns alle sehr beflügelt“, sagt Sven Wolf über seine zwölfköpfige Crew. 

Der frisch errungene Michelin-Stern dürfte das ambitionierte Team weiter beflügeln. „Es ist ein wichtiger Schritt, aber wir werden hier nichts verändern“, sagt Sven Wolf.

Zuvor hatte noch kein Koch in Kassel Erfolg 

Für eine Auszeichnung mit Michelin-Sternen kommt es nicht nur auf die reine Kreativität in der Küche an. Darüber hinaus bedarf es auch vieler guter Mitarbeiter und einer aufwändigen Warenwirtschaft mit erstklassigen Zutaten und exquisiten Weinen. 

In der Vergangenheit hatten Kasseler Gastronomen für all das immer wieder Geld in die Hand genommen und dabei die heimliche oder ganz offene Hoffnung auf einen Michelin-Stern gehegt. Das geht bis in die 1980er-Jahre zurück, als etwa das Landhaus Meister an der Fuldatalstraße mit großer Küchenbrigade das Gourmetrestaurant „Silberdistel“ betrieb und Nouvelle Cuisine nach französischem Vorbild auftischte. 

Am Ende rentierte sich der hohe Aufwand nicht mehr: Weil nicht genug Gourmets kamen, wurde die „Silberdistel“ Anfang der Neunziger geschlossen. Ein ähnliches Konzept verfolgte später Thomas Nähler, Inhaber des „Steinernen Schweinchens“ am Brasselsberg: Sein langjähriger Küchenmeister Jürgen Richter hatte zuvor schon in zwei anderen Häusern einen Michelin-Stern erkocht; in Kassel gelang es aber nicht, die Tester zu einer solchen Einstufung zu bewegen. 2009 schließlich wurde der Gourmetbereich „Bei Jürgen Richter“ aufgegeben. 

Auch manche anderen Kasseler Küchenchefs, die aus örtlicher Perspektive in der vorderen Liga der Kochkunst spielen, wurden in der Folgezeit immer wieder als Anwärter auf einen Michelin-Stern gehandelt. Mit Sven Wolfs Voit im Vorderen Westen trägt sich die Stadt Kassel als Schauplatz der Spitzenküche nun erstmalig ins heilige Buch der Restaurantkritik ein.

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