Polizei rückt mit Spezialkräften an

Schüsse im Vorderen Westen: Protokoll eines Großeinsatzes in Kassel

Kassel. Ein Mann hat Polizei, Spezialkräfte und Anwohner am Freitagmorgen knapp drei Stunden in Atem gehalten. Das Protokoll eines Großeinsatzes im Vorderen Westen.

Als sich um kurz nach zehn an diesem Freitagvormittag die meisten Spezialkräfte der Polizei rund um ein Mehrfamilienhaus an der Breitscheidstraße zurückziehen, wird klar: Die Gefahr ist gebannt. Sogleich bestätigt Polizeisprecher Matthias Mänz: „Wir haben eine männliche Person festgenommen. Sie ist unverletzt.“

Es folgen wenig später weitere Informationen: Der Mann, der am Morgen Schüsse abgegeben haben soll, ist 56, er hat sich nach Gesprächen mit den Polizeibeamten ergeben. Später kommt heraus: Er ist verwirrt, schon 2010 hatte er mit einer Schreckschusspistole hantiert, er kam damals in ein psychiatrisches Krankenhaus.

Diesmal hat er die Einsatzkräfte und seine Nachbarn knapp drei Stunden in Atem gehalten. Die Menschen in diesem Teil des Vorderen Westens verlebten eine Zeit der Ungewissheit. Das Protokoll.

7.30 Uhr: Renate Angersbach wohnt direkt an der Breitscheidstraße, das Schlafzimmer geht nach hinten raus. Auf dem Hinterhof steht ein weiteres Mehrfamilienhaus. Von dort hört Renate Angersbach Schreie. Die ältere Frau denkt erst, sie hätten mit der Baustelle an der höhergelegenen Kölnischen Straße zu tun. Aber dann lassen sie mehrere Schussgeräusche aufschrecken. Kurze Pause. Wieder Schussgeräusche. Die bekommt auch Ferhat Kocabey mit, ein Speditionskaufmann aus der benachbarten Aschrottstraße. Er spricht nachher von mindestens 15 Schüssen. Mit Ruhe ist nichts mehr. Dabei hatte er sich extra freigenommen, um mal auszuschlafen. Es dauert nicht lange, ehe die Polizei eintrifft. 

8.30 Uhr: Ein Dutzend Polizeiwagen steht an der Seite der Breitscheidstraße zwischen Malsburgstraße und Aschrottstraße, auch Rettungswagen sind zu sehen. Der Autoverkehr läuft indes weiter, während sich am Seitenrand Spezialkräfte der Polizei auf einen Einsatz vorbereiten. Ein Mann, der vor einer Stunde das Haus im Hinterhof der Breitscheidstraße verlassen hat, will wieder in seine Wohnung, wird aber zurückgehalten. Zu gefährlich.

Einsatzort: In dieser Wohnung in der Breitscheidstraße nahm die Polizei der 56-Jährigen fest.

9 Uhr: Die Breitscheidstraße ist jetzt zum Teil gesperrt, es dürfen keine Autos und Busse mehr durch. Es gibt eine erste Stellungnahme von Polizeisprecher Matthias Mänz. Er bestätigt die Schussgeräusche. Sie sollen von einem Mann verursacht worden sein, der sich noch im Haus befindet – im Gebäude des Hinterhofs. „Die Hintergründe sind noch unklar“, sagt Mänz. „Der Mann ist nicht eindeutig identifiziert.“ Nichts könne ausgeschlossen werden.

9.30 Uhr: Es ist jetzt sehr ruhig rund um den Tatort. Immer wieder gehen Kräfte der Spezialeinheit in den Hinterhof. Aus dem Mehrfamilienhaus schauen Einwohner aus dem Fenster. Sie dürfen ihre Wohnung nicht verlassen. Einer von ihnen ist Gerhard Schröder. Er sollte eigentlich schon längst beim Arzt sein, aber als er nach draußen gehen will, wird er zurückgewiesen. Sicherheit geht vor. Vor einem Autohaus an der Breitscheidstraße sitzen drei Mitarbeiter. Sie unterhalten sich – ihre Arbeit ruht zwangsläufig. Die Kunden kommen mit ihren Autos, die repariert werden sollen, nicht bis zur Werkstatt vor. Einer vom Autohaus sagt: „Beim Tatort geht das schneller. Da ist alles nach 90 Minuten vorbei.“

Festnahmen: Der 56-Jährige wird von beamten abgeführt.
Ursula Bickmeier

10 Uhr: Aus der Distanz ist unklar, was passiert. Immer wieder rücken Beamte zum vermeintlichen Tatort vor. Eine Auflösung gibt es erst, als die ersten entspannt zurückkehren und Polizeisprecher Mänz Entwarnung gibt. Ursula Bickmeier, die auch an der Breitscheidstraße wohnt, sagt: „Man muss schon Angst haben, wenn man raus geht.“ In ihrer Wohnung fühle sie sich sicher. Hundert Meter weiter befindet sich die Wohnung des soeben festgenommenen Mannes. Die Nachbarin steht auf ihrem Balkon. Sie hat den 56-Jährigen länger nicht gesehen. Früher habe er angeblich mal bei der Post in Frankfurt gearbeitet, aber jetzt? Die Frau hat zwei Zeitungsartikel in der Hand. Sie handeln über ihren Nachbarn und sind aus dem Jahr 2010, wo er schon einmal für Angst und Schrecken sorgte.

SEK-Einsatz im Vorderen Westen in Kassel

Rubriklistenbild: © Schachtschneider

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