Bau wächst weiter

Reginastraße im Vorderen Westen: Weiter Ärger um Neubau

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Über vier Meter hohe Betonwand auf der Grundstücksgrenze: Aus dem Garten hinter dem Haus Goethestraße 36 blickt man auf die Baustelle des Neubaus mit Eigentumswohnungen an der Reginastraße.

Vorderer Westen. „Goethestraße hui, Reginastraße pfui“, steht auf den Flugblättern, die im Vorderen Westen verteilt wurden. Der Neubau mit 24 Eigentumswohnungen an der Reginastraße sorgt weiter für gehörig Ärger im Stadtteil.

Das von Nachbarn wegen der kolossalen Ausmaße als neue Reichskanzlei verspottete Wohnhaus ist im Rohbau fertig. In seinem denkmalgeschützten und für viel Geld restaurierten Gründerzeithaus gegenüber der Baustelle sieht Eigentümer Dr. Claudio Funke fast keinen Himmel mehr, seit das fünfte Geschoss auf dem Rohbau gebaut wurde. Obendrauf kommt noch eine zusätzlich aufgesetzte Dachlandschaft mit gläsernen Kuben. Funke hat bereits Rechtsanwälte am Start, lässt die Möglichkeiten prüfen, rechtlich gegen den „Schandbau“ vorzugehen, der so lang ist wie fünf gegenüberliegende Häuser und diese „völlig verschattet“, klagt Funke.

Kritik von Nachbarn

Auch Nachbarn in Häusern an der Goethestraße reiben sich seit Monaten verwundert die Augen, was für ein Klotz dort auf dem früheren Garagengrundstück in die Höhe wächst. Bei Klaus-Peter Artelt, Mieter im Haus Goethestraße 36, der die Baustelle gut im Blick hat, steigt der Frustpegel. Licht und Luft und ein seit über 100 Jahren freier Raum, von Quartiersgründer Sigmund Aschrott so gewollt, seien verloren. Artelt hat „Brast“ auf die Stadt, die „hier unter bewusster Umgehung der Bürgeröffentlichkeit auf Teufel komm raus die Möglichkeiten der Bebauung ausreizt.“

Am Ende des Gartens hinter dem Haus Goethestraße 36 steht jetzt eine mehr als vier Meter hohe Betonwand auf der Grundstücksgrenze. Die Wand gehört zur doppelstöckigen Tiefgarage des Neubaus an der Reginastraße. Darüber erheben sich fünf Stockwerke plus Dachlandschaft. „Grandios danebengegriffen“, sagt Artelt zu Planung und Genehmigung des gigantischen Gebäudes, das fast ein Drittel der Länge der Reginastraße einnimmt.

Die Denkmalschutzbehörde der Stadt hatte vorgeschlagen, das Monstrum in drei einzelne, wesentlich kleinere Gebäude zu zergliedern, um der schmalen Straße Licht, Luft und Sicht zu lassen. Doch die Bauaufsicht wollte von diesem Vorschlag nichts wissen und genehmigte das Bauvorhaben in den Abmessungen, die der Denkmalschutz als zu lang, zu groß, zu überdimensioniert für das historische Gründerzeitviertel sah. „Eine misslungene und interessengesteuerte Bauplanung auf Kosten anderer“, schimpft Hauseigentümer Funke. Er wirft Kassels Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne) vor, „das schutzwürdige Ensemble den Bauspekulanten zu überlassen“.

Die Vermutung von Anwohnern, bei der Baugenehmigung könne es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, wird im Rathaus zurückgewiesen. Von der Projektgesellschaft „Urbanes Wohnen Vorderer Westen“, die das Haus errichtet, wurden die Baukosten auf sieben Millionen Euro beziffert. Laut Verkaufsprospekt will man für die 24 Wohnungen und 47 Tiefgaragenplätze rund 9,5 Millionen Euro erlösen.

Nolda steht zum Neubau

Dass die neue Eigentums-Wohnanlage an der Reginastraße in Art und Prägung der Bebauung im Vorderen Westen entspreche, hat Kassels Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne) bekräftigt. Die Stadt habe großes Interesse daran, dass solche Baulücken gerade im Vorderen Westen geschlossen und dabei neue Wohnungen gebaut würden. Weil es keinen Bebauungsplan gebe, habe der Investor das Anrecht, so zu bauen. Eine Genehmigung „könnte er sogar einklagen“, macht Nolda auf ein „gehöriges Prozessrisiko“ für die Stadt aufmerksam, wenn eine Baugenehmigung verweigert worden wäre. Zudem sei die Planung als „insgesamt positiv“ beurteilt worden.

Auch einer Bebauung bis an die Grundstücksgrenze habe das Bauaufsichtsamt zugestimmt, weil es dazu ein nachbarschaftliches Einverständnis der betroffenen Grundstückseigentümer gegeben habe.

Müller: Keine Chance für Veränderung

Der neue Ortsvorsteher im Stadtteil Vorderer Westen, Steffen Müller (Grüne), sieht keine Chance, den Neubau an der Reginastraße noch zu verändern: „Das Haus ist ja fast fertig.“

Zwar denkt Müller darüber nach, im Ortsbeirat oder in einer Bürgerversammlung über den Neubau zu diskutieren, „aber ich weiß nicht, was man jetzt noch für ein Ergebnis erzielen könnte.“

Beschwerden von Nachbarn gebe es immer, wenn neu gebaut werde. Im Fall Reginastraße vertraue man auf die städtische Bauaufsicht und eine korrekte Genehmigung. Die Fassade des Hauses werde sehr aufwendig gestaltet.

Von Jörg Steinbach

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