Sanierung des Stadthallendachs

Sanierung der Kasseler Stadthalle: Dachdecker kehrt nach 40 Jahren an Arbeitsplatz zurück

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Hier stand er zuletzt vor 41 Jahren: Dachdeckermeister Werner Anft hat 1977 die Stadthalle eingedeckt. Hinter ihm steht Patrick Möller vom Unternehmen Kühne aus Lohfelden, das aktuell mit der Dachsanierung beauftragt ist.

Kassel. Als Werner Anft oben am Dach der Kasseler Stadthalle steht, da gehen mit ihm die Emotionen durch. „Nach Ewigkeiten bin ich zurück“, sagt er. Bedächtig legt der 92-jährige Kasseler seine Hand auf die Dachrinne, die er vor 41 Jahren montiert hat. 

Der gelernte Dachdeckermeister ist einer der letzten Lebenden, die bei der jüngsten Eindeckung der Stadthalle 1977 mit von der Partie waren. Mit Hilfe der HNA kehrte er an seinen damaligen Arbeitsplatz zurück, wo aktuell wieder das Dach erneuert wird.

Schnell wird für Anft klar: die Verhältnisse auf der Baustelle haben sich in vier Jahrzehnten gehörig gewandelt. Während die heute dort arbeitenden Dachdecker der Meisterbetriebe Kühne aus Lohfelden durch Fangnetze gesichert sind, bewegten sich Anft und seine Kollegen ohne Netz und doppelten Boden auf dem bis zu 26 Meter hohen Dach der Stadthalle.

Die 300 000 Ziegeln, die für die 6600 Quadratmeter große Fläche nötig sind, wurden mit Muskelkraft nach oben gezogen und von Hand angenagelt. „Meist haben wir sie über Leitern auf dem Buckel nach oben getragen. Ein Gerüst hatten wir nicht“, erzählt der 92-Jährige. Aus den Rädern eines ausrangierten Kinderwagens hätten sie sich eine Transportkarre gebastelt, mit der sie die Ziegeln über die Dachflächen an den Ort ziehen konnten, wo sie gerade gebraucht wurden.

Über den Ruinen der Stadt: Werner Anft (ganz rechts) mit seinen Kollegen auf der Martinskirche beim Bau eines Notdaches für den Altar.

„Das war eine echte logistische Leistung und ein Kraftakt“, sagt der 92-Jährige. Die Knochenarbeit haben seine Knie und sein Rücken nicht unbeschadet überstanden. Trotz der fehlenden Sicherungen erlebte Anft, der 1956 seinen Meistertitel erwarb, nie einen Absturz. Einer seiner Kollegen habe sich allerdings die Hände in heißem Teer verbrannt. 

Obwohl der Rentner schon seit 32 Jahren im Ruhestand ist, fachsimpelt er mit den heute tätigen Handwerkern über „durchgedeckte Biberschwanzkehlen“, Lattung und Konterlattung. Gespannt hört er zu, wie Firmenchef Michael Kühne von der laufenden 1,7 Mio. Euro teuren Dachsanierung der Stadthalle erzählt, die noch bis August 2019 dauern wird.

Andenken aus Anfts Fotoalbum: Diese beiden Fotos vom Dach der Stadthalle in Richtung Bebelplatz entstanden im Jahr 1977.

Zu Anfts spektakulärsten Aufträgen zählte neben der Eindeckung der Stadthalle ein Einsatz an der ausgebombten Martinskirche. Nach dem Krieg baute er dort mit Kollegen ein Notdach für den Altar. Aus dieser Zeit existiert noch ein Foto. Zudem erinnert er sich noch gut daran, wie er 1955 das Kraftwerk Kassel mit Eternitplatten verkleidet hat.

Bevor Werner Anft wieder mit dem Transportfahrstuhl an der Fassade der Stadthalle nach unten fährt, wird es für ihn nochmal emotional. „Meine Dachrinnen aus Zink sind doch noch gut“, sagt er zu Michael Kühne. Der stimmt ihm zu, muss ihm aber mitteilen, dass im Zuge der Sanierung alle Dachrinnen getauscht werden. Dennoch ist der Senior dankbar, sich noch einmal von der Langlebigkeit seiner damaligen Arbeit überzeugt haben zu können.

Für Reparaturen am heimischen Haus klettert Anft – zum Unwillen seiner Tochter – übrigens immer noch auf das Dach.

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