Bewohner stehen vor Gericht

Sanierung: Mieter werden aus Jugendstilhaus an Lassallestraße vertrieben

+
Mieter werden aus Jugendstilhaus an Lassallestraße vertrieben

Kassel. In einem Haus an der Lassallestraße im Kasseler Stadtteil Vorderer Westen gibt es Ärger. Nicht wegen der dringend nötigen Sanierungsarbeiten, die anstehen, sondern weil die Mieter vertrieben werden:

Es ist ein markantes Jugendstilhaus im Vorderen Westen: die Lassallestraße 15. Nicht zuletzt aufgrund des bis vor kurzem dort beheimateten Antiquariats Jenior im Erdgeschoss des Hauses hat schon so mancher Kasseler das imposante Haus mit den vielen Originaldetails von innen gesehen. Jetzt wurde das im Besitz der Felsberger Eigentümer-Gemeinschaft von Boineburg befindliche, einst mit einer dichten Efeumatte bewachsene Haus unsanft aus dem Dornröschenschlaf geweckt.

Ein Verwalterwechsel vor über einem Jahr hat eine radikale, wenngleich dringend nötige Renovierung eingeläutet. Unter anderem müssten Sanierungsarbeiten gegen Hausschwamm in Angriff genommen werden, sagte der Anwalt der Eigentümer, Stefan Freiherr Spies von Büllesheim gegenüber der HNA. Für die zahlreichen Mieter – auf dem Klingelschild ist Platz für 16 Parteien – begann eine chaotische und schmerzhafte Zeit der Entmietung. Mehr als einmal fanden sie sich vor Gericht wieder.

Ein Mieter musste eine fristlose Kündigung akzeptieren, gegen die er sich zuvor gerichtlich wehren wollte. Sein Vergehen: Er hatte während der documenta dafür geworben, in seiner Wohnung Übernachtungsgäste aufzunehmen. Auch der Verleger und Antiquar Winfried Jenior, der 16 Jahre lang an der Lassallestraße sein Geschäft betrieb, war vertrieben worden. Unter anderem wurde ihm vorgeworfen, seine Räume an den Verein Literaturbüro Kassel untervermietet zu haben.

Außerdem wurde ihm gesagt, das Gewicht seiner Bücher gefährde die Statik. Jenior: „Lange lebte es sich gut im Haus, jetzt wurde es ungemütlich.“ Für einen Rechtsstreit habe er keine Nerven. Deshalb zog Jenior im Frühjahr 2013 mit seinem Geschäft ohne Gegenwehr an die Marienstraße 5. Gerhard Trautmann, der seit 32 Jahren an der Lassallestraße 15 eine 110-Quadratmeter-Wohnung bewohnt, will nicht weichen.

Vergangenes Jahr hat er eine 20-prozentige Mieterhöhung geschluckt und zahlt jetzt 500 Euro kalt. Aber auch er fand sich schon vor Gericht wieder. Der neue Hausverwalter hatte dem freiberuflichen Designer unterstellt, in seiner Wohnung Gewerbe zu betreiben, weil sich dort Kunstwerke befinden. Trautmann gewann den Prozess und ist entschlossen, sich nicht vertreiben zu lassen. Doch es wird zunehmend leer im Haus, in dem nur noch vier Parteien wohnen und laut Trautmann zuletzt von morgens bis spät abends von polnischen Arbeitern lautstark Türen abgeschliffen wurden.

Erst mit dem Verwalterwechsel habe man das Haus gründlich unter die Lupe genommen und dabei die Versäumnisse der Vergangenheit festgestellt, sagt Anwalt Spies von Büllesheim: „Wir können demnächst auch sanierungsbedingt kündigen. wenn der Schwamm in Angriff genommen wird, kommen die Decken raus. Dann kann dort ohnehin niemand mehr wohnen.“

Von Christina Hein

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.