Selbstversuch: Mit der Burka durch Kassel

Kassel. HNA-Volontärin Nicole Schippers wollte wissen, wie die Kasseler auf eine vollverschleierte Frau reagieren, und machte den Selbsttest.

Ich sehe fast nichts, aber alle sehen mich. Seit ich vor wenigen Minuten eine Burka übergezogen habe, ist mein Sichtfeld stark eingeschränkt. Durch das schmale Augengitter der Burka kann ich nur geradeaus sehen. Alles, was neben und hinter mir passiert, bleibt hinter meinem Schleier verborgen. Aber ich spüre die Blicke der Menschen auf mir. Ich stehe am Bebelplatz und warte auf die Tram.

Das Atmen fällt mir schwer, der synthetische Stoff wird feucht und klebt an meiner Haut. Ich höre schlecht, mein Magen verkrampft sich. Als die Tram einfährt, schauen die Menschen mich neugierig und irritiert durch die Fenster an. Das Einsteigen bereitet mir Probleme, denn ich sehe den Boden unter meinen Füßen nicht. In der Bahn möchte ich mich einfach nur schnell setzen, um den Blicken der Menschen nicht ganz so sehr ausgeliefert zu sein. Ich entdecke einen freien Platz neben einer jungen blonden Frau. „Ist hier frei?“, frage ich sie. Sie schaut mich erschrocken an und bringt nur einen unverständlichen Laut heraus. Ich setze mich und spüre, wie unangenehm ihr meine Nähe ist. Sie rutscht immer wieder von mir weg. Ich frage mich, ob sie Angst vor mir hat. Der Gedanke, dass jemand Angst vor mir haben könnte, irritiert mich und ich bin froh, als ich an der Haltestelle Annastraße aussteigen und die Frau aus ihrer beklemmenden Situation entlassen kann.

Auf dem Weg zurück zum Bebelplatz treffe ich in der Tram auf eine Gruppe Kinder. Diesmal bleibe ich stehen, denn so langsam fühle ich mich sicherer und gewöhne mich an mein blaues Gewand. Zwei kleine Mädchen schauen mich neugierig an und kichern. „Warum trägt die Frau das?“, fragt eines von ihnen. Ein junger Mann, offenbar ihr Betreuer, antwortet, das habe religiöse Gründe. Die Kinder wirken unbefangen und freundlich. Ich lächele sie an, aber sie reagieren nicht. Erst dann wird mir bewusst, dass sie es nicht sehen können. Ich bin gesichtslos. Meine Mimik läuft ins Leere und meine Gestik ist stark eingeschränkt. Ich fühle mich abgeschnitten von der Außenwelt, ausgegrenzt. Es ist, als hätte ich meine Persönlichkeit verloren. Am Bebelplatz steige ich aus und überquere die Straße. Einige Menschen bleiben stehen, drehen sich um. Manche starren mich an – einige verstört oder mitleidig, andere mit finsterer Miene.

Tief Luft holen: Unter der Burka fiel der Autorin das Atmen schwer.

Wenn ich mich ihnen zuwende, schauen sie schnell weg. Als ich eine Bäckerei betrete, sitzen drei junge Männer an einem Tisch und unterhalten sich. Drei weitere Kunden warten an der Auslage. Alle ignorieren mich – zumindest kommt es mir so vor – und ich bin erleichtert. Als ich an der Reihe bin, fragt mich die Verkäuferin, was sie für mich tun kann. Ich bestelle ein Brötchen. Sie fragt, ob es sonst noch etwas sein darf, und wünscht mir einen schönen Tag – als wäre ich eine ganz normale Kundin. Ich fühle mich dadurch etwas besser und bin ihr dankbar für diese kurzzeitige Normalität. Eine halbe Stunde und viele Blicke später ziehe ich meine Burka aus. Ich hole tief Luft und bin froh, wieder einfach ich zu sein.

In Frankreich, Belgien und der Schweiz gilt Burka-Verbot

Die Burka ist vor allem in Afghanistan und zum Teil auch in Pakistan verbreitet. Im Kopfbereich ist eine flache Kappe eingenäht, in Höhe der Augen ein Gitter aus Stoff oder Rosshaar. Der Ganzkörperschleier ist entweder rundum bodenlang oder reicht in der Rückenpartie bis zum Boden und vorne nur bis zur Hüfte. In Frankreich, Belgien und der Schweiz ist das Tragen einer Burka in der Öffentlichkeit verboten mit dem Argument, die Burka errichte eine Barriere zwischen ihrer Trägerin und der Umwelt und untergrabe damit das Gefühl des Zusammenlebens in einer Gesellschaft. (nis)

Selbstversuch: Mit Burka in Kassel unterwegs

Rubriklistenbild: © HNA/Fischer

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